Karl Heinz Gruber / Volksbefragung zur Schulreform / Der Fragebogen

von Klaus Satzke

Der Bildungssprecher der ÖVP Werner Amon hat vor einigen Tagen vorgeschlagen, es möge durch eine Volksbefragung geklärt werden, ob Österreich sein traditionelles Ausleseschulsystem behalten oder ein Gesamtschulsystem einführen soll. Er hat damit nicht viel Lob geerntet, im Gegenteil: Sein Vorschlag wurde als „Schnapsidee" und demagogischer Unfug bezeichnet und Vizekanzler Molterer hat ihn -so der ORF -„zurückgepfiffen".
Was wäre aber, wenn der Fragebogen zur Volksbefragung so aussehen würde?
1) Sind Sie (A) dafür dass österreichische Kinder weiterhin im Alter von 9 ½ Jahren für eine zukünftige Matura ausgelesen werden und mit ihren Eltern um die fatalen, für die Schulkarriere entscheidenden „Einser" im Halbjahreszeugnis der 4.Volksschulklasse zittern müssen, wenngleich die Bildungsforschung seit Jahrzehnten weiß, dass die Noten der Volkschullehrerinnen (ohne deren Schuld!) hochgradig unverlässlich und als Prognose einer Maturaeignung ungeeignet sind? Oder sind Sie (B) dafür, dass österreichische Kinder so wie z.B die skandinavischen bis zum Ende der Pflichtschule individuell, umfassend und angstfrei gefördert werden?
2) Sind Sie (A) wirklich für die Beibehaltung der massiven Chancenungleichheit, die von der gegenwärtigen frühen Auslese produziert wird und die dazu führt, dass städtische Kinder von Eltern mit Matura etwa zehnfach höhere Chancen haben, in eine gymnasiale Unterstufe aufgenommen zu werden als gleichbegabte Kinder aufdem Lande, deren Eltern nur eine Pflichtschulabschluß haben ? Oder sind Sie nicht doch (B) dafür, dass das österreichische Schulsystem aus Gründen der demokratischen Fairness alle Kinder zuerst mal möglichst fair zu fördern hat, ehe nach der Sekundarstufe I die unvermeidliche Leistungsdifferenzierung einsetzt?
3) Ist für Sie (A) „Schulvielfalt und Wahlmöglichkeit", die in der Oberstufe natürlich Sinn macht, auch schon auf der Sekundarstufe I tatsächlich so notwendig, dass Sie Ihrem zehnjährigen Kind gerne einen langen Schulweg zu einer angeblich besseren Schule zumuten, oder fänden Sie es (B) nicht besser und für Ihr Kind gesünder, wenn Sie sich darauf verlassen könnten, dass die Mittelschule, die Ihrem Wohnort am nächsten liegt, gut genug für Ihr Kind und Ihre (völlig berechtigten ) hohen schulischen Qualitätsansprüche ist?
4) Ist es Ihnen (A) egal, dass es volkswirtschaftlich verschwenderisch und verwaltungstechnische aufwendig ist, auf der Sekundarstufe I die von den Gemeinden erhaltenen Hauptschulen und die vom Bund finanzierten AHS nebeneinander zu betreiben, und stört es Sie auch nicht, dass zahlreiche Kinder, sich und die Umwelt belastend (Josef Pröll „Near is beautiful"), an halb leerstehenden Hauptschulen vorbeifahren und an einer überfüllten AHS möglicherweise in einem „Superädifikat" oder „Pavillon" (so heissen neuerdings provisorische Kontainerklassen) unterrichtet werden? Oder erscheint es Ihnen (B) nicht vernünftiger, dass auf der Sekundarstufe I ein Netzwerk von gleichwertigen, gleich gut ausgestatteten Schulen etabliert wird, das allen Kindern ein Aufwachsen und Lernen in ihrer Nachbarschaft ( der ÖVP-Wert „Heimat!") ermöglicht?
5) Sind Sie (A) für die Aufrechterhaltung der Notlüge, dass die Lehrpläne der ersten beiden Klassen von Hauptschule und AHS „wortident" sind, wenngleich offensichtlich ist, dass der offizielle Lehrplan in den beiden Schulformen in Wirklichkeit ganz unterschiedlich umgesetzt wird, an den Hauptschulen mit Leistungsgruppen, an den AHS fatalerweise ohne jegliche Differenzierung? Oder würden Sie (B) nicht lieber darauf vertrauen können, dass Ihr Kind einen verlässlichen Sockel von Allgemeinbildung erhält und es ihm durch sorgfältige Diagnose seiner Begabung, durch gezielte individuelle Förderung und durch Fächerwahl (natürlich auch Latein, horribile dictu ) ermöglicht wird, ein persönliches Interessens- und Begabungsprofil zu entwickeln?
6) Halten Sie es (A) für sinnvoll, dass ab dem heurigen Herbst sowohl die Universitäten als auch die neuen Pädagogischen Hochschulen Lehrer/innen für die Altersgruppe der 10-15Jährigen ausbilden, mit einer atemberaubend verschwenderischen Verdopplung der Ausbildungskapazitäten und ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Rekrutierungsbedarf der Schulen an neuen Lehrern? Oder erscheint Ihnen (B) eine Stufenlehrerausbildung für die Alterstufe der 10-15Jährigen nicht plausibler und ökonomischer?
7) Tja, man kommt schließlich nicht drum herum: Sind Sie (A) dafür, dass der bisherige österreichische Schulreformdiskurs beibehalten wird, nämlich dass der eine oder andere Bildungssprecher hin und wieder mal irgendetwas sagt, was ihm so im Gastgarten einfällt, unangekränkelt von jeglicher Bildungforschung und in glücklicher Ignoranz der europäischen Schulentwicklungen, oder meinen Sie nicht auch, dass es (B) an der Zeit ist, die von Elisabeth Gehrer mehrfach angekündigte, aber nie etablierte Kommission aus in- und ausländischen Experten ins Leben zu rufen und mit der Ausarbeitung eines soliden, glaubwürdigen Reformkonzepts für die österreichische Sekundarschulreform zu beauftragen?
Man wird ja noch fragen dürfen..........