Helmut Seel / Leider nur Schulversuche!

von Helmut Seel

Der zweifelhafte Erfolg der ÖVP: Die AHES, die allgemeinbildende höhere Eintopfschule für die Zehn- bis Vierzehnjährigen bleibt bis 2015 erhalten!

Durch den Schulkompromiss zwischen SPÖ und ÖVP zur Erprobung einer gemeinsamen Schule für die Zehn- bis Vierzehnjährigen ist man zum Start der österreichischen Schulentwicklung im Jahr 1970 zurückgekehrt. Damals stimmte die ÖVP nolens volens Schukversuchen mit einer allgemeinen Mittelschule (Gesamtschule) für die Sekundarstufe I neben anderen Schulversuchsmaßnahmen zu (4. Novelle zum Schulorganisationsgesetzes 1971) zu. Nolens volens: Man brauchte die Zustimmung der SPÖ zur Abschaffung der 1962 gesetzlich eingeführten 9.Klasse der AHS. Man erhielt sie nur auf Grund der Zustimmung zu den Gesamtschulversuchen (3. Novelle des SchOG 1969). Die vernichtende Kritik am österreichischen Schulsystem samt Empfehlung zur Einführung einer Gesamtschule zu besseren Begabungserfassung im OECD-Bericht „Bildungsplanung und Wirtschaftswachstum 1965 - 1975" hätte für die ÖVP auch damals schon als Grund für Modernisierungsmaßnahmen nicht gereicht.

Man hatte damals ein gutes, international vergleichbares Schulversuchsmodell, eine große freiwillige Beteiligung (leider nur im Bereich der durch die Differenzierung in zwei Klassenzügen bereits komprehensiven Hauptschulen), eine umfassende, international anerkannte wissenschaftliche Kontrolle und Evaluation unter Heranziehung von Vergleichsschulen, welche den Erfolg bestätigte. Das Ergebnis: Die Reform der Hauptschule (7. Novelle zum SchOG 1983) statt der Einführung einer allgemeinen Mittelschule. Die Begründung der ÖVP: Die AHS-Unterstufe habe sich ja nicht am Schulversuch beteiligt ! Eine wichtige, der SPÖ durch die notwendige Zweidrittelmehrheit für Schulgesetze aufgezwungene Entscheidung wurde getroffen: In Zukunft keine weiteren Schulversuche mit der Gesamtschule.

Der Erfolg der Unterrichtsministerin Dr. Schmied: Sie erhält eine gesetzliche Basis dafür, wieder Schulversuche mit der Gesamtschule durchzuführen. Noch wichtiger erscheint jedoch ein Nebeneffekt ihrer Initiative: Es wurde wieder intensiv über die Vorzüge der allgemeinen Mittelschule im Hinblick auf Chancengleichheit und Begabungsförderung gesprochen und besonders der Wirtschaftsflügel der ÖVP spricht sich bereits für die leistungsdifferenzierte Gesamtschule aus.

In der Zwischenzeit geht die „Schulentwicklung" nach immanenten Gesetzmäßigkeiten weiter:
- Trotz rückläufiger Schülerzahlen wird die AHS-Unterstufe jährlich weiter zulegen oder zumindest ihre Schülerzahlen erhalten, die Schülerzahl der Hauptschule wird ständig abnehmen. Die Erklärung: In die AHS-Unterstufe werden immer mehr auch weniger befähigte Schüler aufgenommen. Ihr prestigeträchtiger Ruf einer höheren Schule mit akademischen Lehrern steuert die Elternentscheidungen.
- In den internationalen Leistungsvergleichen wird Österreich weiterhin schlecht abschneiden. Die Erklärung: Die wachsende Eintopfschule der AHS-Unterstufe ohne Leistungsdifferenzierung kann weder die besonders Befähigten noch die Unterstützungsbedürftigen zur optimalen Leistung führen. Der Bedarf an Nachhilfeunterricht wird weiter wachsen. Dort bezahlen Eltern das „Schulgeld" für eine individuelle Förderung ihrer Kinder.
- Die Hauptschule wird ihrem Charakter einer leistungsdifferenzierten Gesamtschule immer weniger gerecht werden können. Die Übertrittsbedingungen zur Oberstufe der höheren Schulen (AHS und BHS) bleiben gegenüber der Eintopfschule AHS-Unterstufe weiterhin eingeschränkt. In der AHS-Unterstufe genügt such eine schwache „genügende" Leistung zum prüfungsfreien Übertritt, in der Hauptschule muss eine „gute" Leistung in der II. (mittleren) Leistungsgruppe nachgewiesen werden. Der Restschulcharakter der Hauptschule wird sich verstärken, trotz der beschwörenden lobenden Worte von ÖVP-Politikern über diese Schultype.

Eine mögliche Perspektive: Vielleicht ist im Jahr 2015 an Standorten der AHS-Unterstufe die Hauptschule verschwunden und alle Schüler und Schülerinnen des Altersjahrgangs werden in die AHS aufgenommen. Diese ist dann Gesamtschule als Eintopfschule geworden. Wenn die Gewerkschaft der AHS-Lehrer weiterhin nur auf die Erhaltung der Lehrerzahl in der AHS-Unterstufe bedacht ist, ist dies angesichts der Schülerzahlentwicklung die unvermeidliche Konsequenz.