Klaus Satzke / Die Kritiker von Pisa haben recht, allerdings …

von Klaus Satzke

Zweifellos Recht hat die Kritik, wenn sie die Präsentation der Ergebnisse in Form von Rangskalen als reine Effekthascherei brandmarkt, die sich dem medialen Missbrauch förmlich anbiedert. Eine Gruppierung der teilnehmenden Länder in 3 oder 4 Cluster wäre seriöser und würde die statistisch unbedeutenden Ergebnisunterschiede nicht überzeichnen. Allerdings: Auf dem Markt der wissenschaftlichen Studien ist die unseriöse Kalkulation mit dem medialen Aufsehen bereits „branchenüblich" geworden (siehe Studien zum Klimaproblem).

Recht haben die Kritiker auch mit dem Argument, dass die PISA - Ergebnisse kein eindeutiges Votum für Gesamtschulsysteme zulassen. Was beim PISA - Ersten Finnland zutrifft, stellt sich bei anderen Ländern mit vergleichbaren Systemen deutlich weniger spektakulär dar. Allerdings: Seriös lässt sich feststellen, dass PISA keinerlei Vorteile für eine frühe Selektion mit 9 ½ Jahren erkennen lässt. Eine spätere Selektion ist eindeutig kein Risiko, sondern OECD-weit der überwiegende Regelfall.

Was an der massiven und wohl auch koordinierten Kritik an PISA hellhörig macht, das ist der Versuch, empirische Methoden als Grundlage für Entscheidungen im Bereich der Schulentwicklung und - im weiteren Sinne - der Schulpolitik zu desavouieren. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass die österreichische Bildungspolitik ganz offensichtlich PISA gebraucht hat, um Einsichten zu ganz fundamentalen Problemlagen zu gewinnen:

- Das Missverhältnis zwischen finanziellen Investitionen und den durchaus nur mittelmäßigen Ergebnissen.
- Das Versagen des Schulsystems bei der Vermittlung von Grundfertigkeiten (sinnentnehmendes Lesen)
- Die starke Abhängigkeit des Lernerfolges von der sozialen Herkunft der Eltern.
- Die geringen Lernerfolge der im zweiten Generationszyklus in Österreich lebenden Migranten.

Wer da meint, das hätte man vor PISA auch schon gewusst, der muss sich im vergangenen Jahrzehnt in einem Traumland befunden haben, wo ihm Feen oder Waldgeister diese Fakten verraten haben. In der Realität der bildungspolitischen Auseinandersetzung wurden Vermutungen in diese Richtung eben mit dem Verweis auf fehlende exakte Nachweise abgetan und in der bei uns üblichen Form der Verteufelung als ideologischen Verirrungen bezeichnet.

In diesem notwendigerweise knappen Spotlight auf die österreichische Variante der PISA - Diskussion soll auf 4 Phänomene hingewiesen werden:

1. Nach wie vor verweigert sich unsere Bildungspolitik hartnäckig jeglicher Form einer indikatorenorientierten Intervention im Bildungssystem. So unvollkommen, insgesamt aber doch wertvoll beispielsweise die Maßnahmen der Frühförderung für Migrantenkinder im Vorschulalter sein mögen - ist durch irgendeine Maßnahme gesichert, dass wir in einigen Jahren Aufschluss über den Erfolg dieser Maßnahme bekommen können? Deutet irgendetwas darauf hin, dass sich die Bildungspolitik Aufschluss darüber verschafft, ob die Absenkung der Klassenschülerzahl tatsächlich auch zu Verbesserungen im Unterricht beigetragen hat?

2. Die zurückliegende „heiße Phase" einer Gesamtschuldiskussion rund um den ursprünglichen Entwurf eines entsprechenden Schulversuchsparagraphen hat gezeigt, dass eine kleine Gruppe von überaus aktiven und gut vernetzen Akteuren ohne Scheu und ohne jegliche Befangenheit von intellektueller Redlichkeit gegen alles und jeden vorgeht, wenn dadurch die bestehenden Strukturen der Sekundarstufe I erhalten bleiben können. Die Instrumentalisierung von PISA für das Projekt einer gemeinsamen hat PISA ins Kreuzfeuer der Gesamtschulgegner gebracht. Es ist schon bemerkenswert, dass jene, die seit Jahrzehnten den drohenden Leistungsverfall voraussagen und jeden Schulversuch in ein Korsett von Leistungsüberprüfungen zwängen, nun die Instrumente der Leistungsüberprüfung in Frage stellen.

3. Die empirische Pädagogik, die in den vergangen Jahrzehnten Großes geleistet hat und wichtige wissenschaftsmethodische Modelle einschließlich adäquater Instrumentarien geschaffen hat, ist auch an ihre Grenzen gestoßen. In Wahrheit ist die Komplexität des Schul- und Erziehungsbereiches doch noch um Einiges größer als in den ersten Blütenträumen angenommen. In dieser Situation sehen sich Vertreter der geisteswissenschaftlichen Pädagogik im Aufwind und wollen das Rad der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zurück drehen. Dabei wird aber nur auf altes Inventar zurückgegriffen. Hat sich der hermeneutische Pädagogische Ansatz wirklich nicht weiterentwickelt? Schade um eine spannende Diskussion, die hier verabsäumt wird!

4. Was bei PISA ein relativ harmloses Medienspektakel ist (die Rangskala der teilnehmenden Länder), das ist bei anderen Vorhaben Teil eines neoliberalen Konzepts, das mittels fragwürdiger Rankings auf der Basis eben so fragwürdiger Kriterien dem Primat der Ökonomie und der alles regelnden Marktlogik zum Durchbruch verhelfen will (z. B. Uni - Rankings). Wenn man sich allerdings das Kapitel „PISA" im viel gerühmten Buch von K. P. Liessmann über die „Theorie der Unbildung" liest, dann muss man sich fragen, ob denn dieser unser Parade-Intellektuelle keine Freunde hat, die ihm zu Einhalt raten bei seinem Versuch, mittels PISA eine Weltverschwörungstheorie zur Vernichtung von Bildung und zur Etablierung von vordergründigen Halbwissen zu entwickeln. Warum gerade PISA dazu benutzt wird, den ganzen Frust abzuladen, der sich - nicht unverständlich - aus einem neuen Hochschulgesetz mit weit reichenden und gar nicht voll absehbaren Folgen ergibt, das ist schwer verständlich. Liessmann: „Je mehr an einer Universität oder Schule von Qualitätssicherung die Rede ist, desto weniger geht es um Qualitäten, sondern einzig darum, Qualitäten in Quantitäten aufzulösen. Was immer an spezifischen Gegebenheiten, Leistungen und auch Mängeln an solch einer Institution ... festgestellt werden könnte, wird durch Zahlen, in die alles gegossen werden soll, zum Verschwinden gebracht."
Im Kontrast dazu die nüchterne Feststellung der OECD in ihrem PISA - Länderbericht zu Österreich: Das österreichische Schulsystem "benachteiligt Jugendliche mit Migrationshintergrund sehr stark". Gibt es rationale Kriterien, die für diese beiden Interpretationen von Wirklichkeit noch einen „frame of reference" finden?