Die Implementierung von Bildungsstandards in das österreichische Schulwesen ist im Regierungsprogramm dem Kapitel Bildung und dort dem Abschnitt „Qualitätssicherung an Schulen" mit dem Untertitel „Sicherung und Überprüfung des Unterrichtsertrages und der Unterrichtsqualität" zugeordnet. Diese Formulierung lässt die Handschrift der zurückliegenden Ära „Gehrer" erkennen, in der mit einem verkürzten Begriff von Bildungsstandards operiert wurde, der sich im Wesentlichen auf das Überprüfen und Vergleichen von Schülerleistungen beschränkt.
Das ist vor allem deshalb bedauerlich, weil „Bildungsstandards" zwar keinesfalls den Stein der Weisen für eine dringend notwendige Schulreform darstellen, aber ein wichtiger Teilaspekt eines umfassenden Konzepts der Qualitätsentwicklung an Schulen (und das heißt durch Schulen) sind.
Ein derartiges umfassendes Konzept der Schulentwicklung könnte sich derzeit auf einige durchaus nicht selbstverständliche förderliche Rahmenbedingungen stützen:
• Für einen repräsentativen Teil der öffentlichen und veröffentlichten Meinung kann ein hohes Bewusstsein für die Notwendigkeit von Veränderungen im Bildungssystem konstatiert werden. Insbesondere der gewiss heterogene Kreis von österreichischen Bildungsjournalisten hat in durchaus fundierten Analysen, die weit über die Grenzen der jeweiligen „Blattlinie" hinausgehen, auf einen Reformbedarf hingewiesen, der sich auf konkrete Fakten bezieht und sich keinesfalls auf den bekannten österreichischen Gemeinplatz des „Es muss was g'schehn!" beschränkt.
• Die Analysen und Diagnosen, die Veränderungen so notwendig machen, liegen für jeden Interessierten leicht einsehbar vor. Mit dem Bericht der sog. „Zukunftskommission" (die sich erfreulicher Weise dem Zugriff der damaligen Ressortministerin Gehrer entwinden konnte), durch die in vielen Punkten übereinstimmenden Analysen von wissenschaftlichen Institutionen (Wirtschaftsforschungsinstitut) und Interessenvertretungen (Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer), zuletzt auch durch die beim BMUKK eingerichteten Expertenkommission liegen fundierte Analysen vor, die Problemzonen klar definieren und notwendige Entwicklungsrichtungen klar aufzeigen.
• Im Zuge der PISA - Entwicklung und den daraus resultierenden Diskussionen gibt es - zumindest im Bereich der OECD - Länder - eine seriöse länderübergreifende Arbeit an Qualitätsentwicklungskonzepten, die durchaus mehr sind als nur die Meinung einzelner Experten.
Die obige Argumentation soll durch 2 Zitate belegt werden:
1. Der zweite Zwischenbericht der Expertinnenkommission beim BMUKK „Zukunft der Schule" listet nochmals die kritischen und krisenhaften Bereiche des österreichischen Schulwesens auf:
„Das österreichische Schulsystem muss grundsätzlich für alle die gleiche Qualität, die gleichen Optionen, vergleichbare Bildungschancen bieten und muss bei gleicher Begabung, gleicher Leistung und gleichem Einsatz vergleichbare Zugänge zu Bildungs-, Berufs- und Lebenswegen eröffnen.
Die derzeitige Situation:
• Mittelmäßige Positionierung in internationalen Leistungsvergleichen (Beleg: z. B. PISA)
• Qualitätsunterschiede bei gleichem Notenschnitt (PISA, PIRLS etc.)
• Zugang zu Bildungsoptionen (z. B. AHS, BHS) nicht für alle gewährleistet (Bezirke ohne AHS - Langform, unterschiedliche Versorgung mit HTL etc.)
• Hohe soziale Selektivität HS/AHS ...
• Sozialer Hintergrund und regionaler Wohnort bestimmen demnach entscheidend Bildungswege und Bildungschancen, unabhängig von Begabung und Leistung.
• An den Schnittstellen und Übergängen wird nach nicht vergleichbaren, nicht validen, nicht standardisierten Verfahren selektiert, z. B.:
• Schnittstelle 4./5. Schulstufe (Beleg: PIRLS, PISA - Zentrum)
• Schnittstelle 8./9. Schulstufe: unterschiedliche Wertung von Leistung (Noten bei Eintritt in BHS)
• Leistungsgruppen HS - überwiegend Abstufung, kaum Aufstufung
• Maturaqualifikation je nach Standort und Region nicht vergleichbar"
2. Jürgen Oelkers (Qualität, Schulentwicklung, Standards *)
untersuchte die Konzeptentwicklung zu Fragen der Qualitätssicherung - und Qualitätsentwicklung im deutschsprachigen Bereich und nennt 8 ausschlaggebende und unverzichtbare Elemente:
• „Zielsteuerung und Kompetenzorientierung,
• Aufbau von Schulleitungen mit Kompetenzen und Weisungsbefugnissen,
• Höchst mögliche Transparenz des schulischen Angebots,
• Unterricht und Leistungsbewertung nach Standards,
• Mitarbeiterbeurteilung und interne Evaluation,
• Regelmäßige externe Evaluationen,
• Offenlegung der dabei erzeugten Daten,
• Zielvereinbarungen im Blick auf die nächste Etappe der Schulentwicklung."
Schlussfolgerungen für ein Konzept der österreichischen Schulentwicklung unter Einbeziehung von Bildungsstandards:
Schulentwicklung in Österreich muss nicht Suchbewegungen in diffusen Bereichen machen, sondern kann sich auf klare Problemanalysen stützen.
Die qualitativen Schwachstellen im österreichischen Schulwesen sind nicht durch Einzelmaßnahmen zu korrigieren, sondern durch einander voraussetzende und ergänzende Maßnahmen, die im übrigen Zeit benötigen (gibt es einen Zeitplan?) und auch einer laufenden Überprüfung der Ziele und Methoden bedürfen.
Schulentwicklung, die nicht die Schulen selbst mit einbezieht bzw. dort nicht den Unterricht und die Unterrichtsqualität „erreicht" und verändert, wird zum Leerlauf, der nur oberflächliche Wellenbewegungen erzeugt.
Strukturfragen sind nicht unbedingt von Beginn an zu diskutieren, sie müssen aber als Teil eines Entwicklungskonzeptes mitgedacht werden und als unter Umständen notwendige Konsequenz in den Prozess der Schulentwicklung einbezogen werden.
Eine isolierte Einführung von Bildungsstandards ist also wenig wirksam, ja unter Umständen gefährlich, weil mit einer Vielzahl von ungewollten Nebenwirkungen belastet. Bildungsstandards als Teil eines Schulentwicklungskonzeptes, das auf mehr Schulautonomie, standortbezogenen Bildungsprogrammen, einer standort-übergreifenden regionalen Bildungsplanung, auf professionellen Unterstützungssystemen und einer modernisierten Schulverwaltung aufbaut, ein chancenreiches Unternehmen.
Immerhin enthält das Regierungsprogramm im Abschnitt Bildung - trotz all seiner Schwächen - ausdrücklich auch das Kapitel „Modernisierung von Schulverwaltung und Schulmanagement". Es bestehen also intakte Chancen, die mehr oder weniger zufällig gelegten Webfäden zu einem komponierten Ganzen zu verknüpfen. Es ist die Frage zu stellen, wo der Ort für diese anspruchsvolle Aufgabe ist und auf welche Weise der schulpolitische Konsens gefunden werden kann.