Helmut Seel / Leistungsstandards und Bildungsschule

von Helmut Seel

Von der Einführung von Schulleistungsstandards in Deutsch, Mathematik und Englisch als erste Fremdsprache werden positive Auswirkungen auf die Qualität des Schulsystems der allgemeinen Grundbildung erwartet. Es ist anzunehmen, dass diese Standards, die in bestimmten Prüfungsaufgaben operationalisiert sind, mehr Gerechtigkeit im Schulsystem bringen werden. Die Ausbildungsziele des Lehrplans werden überinstitutionell und überindividuell konkretisiert und damit vergleichbar gemacht. Auch wenn immer betont wird, dass die Standards nicht dem Vergleich von Schulen dienen und damit zum „Ranking" im Schulsystem führen sollen, sondern nur dem einzelnen Lehrer die Leistungen seiner Schüler als Ergebnis seiner unterrichtlichen Bemühungen im Vergleich zum erwarteten Durchschnittswert des Schulsystems als Rückmeldung vor Augen geführt werden sollen, so werden sie - so wird erwartet - die Qualität der unterrichtlichen Bemühungen und Ergebnisse verbessern und so die Leistungsbeurteilung verlässlicher machen. So weit, so gut !

Diesen zu erwartenden positiven Effekten stehen aber höchst problematische ungewollte Nebenwirkungen gegenüber. Schon bisher ist unser allgemeinbildendes Schulsystem durch eine problematische Gruppierung der Lernbereiche in Hauptfächer (mit höherer Stundendotierung ausgestattet und durch „Schularbeiten" privilegiert) und Nebenfächer (den sogenannten „Realien" und musisch-technischen Lernbereichen) gekennzeichnet. Diese Tendenz in der Wertschätzung der Unterrichtsfächer wird durch die Einführung der Leistungsstandards in genau diesen Hauptfächern verstärkt.Im Hinblick auf die Bildungsaufgabe der Schule erscheint dies problematisch. Bildung ist zu kennzeichnen als Fähigkeit zum Erkennen und Verstehen, zum begründeten Beurteilen, abwägenden Entscheiden und zum verantwortungsbewussten Handeln in gesellschaftlichen und persönlichen Problemsituationen. Dies setzt das Vertrautsein mit solchen Problemfeldern voraus: Wissen, Verstehen und Können in den Realien (Sachfächern) und in künsterischen und bewegungsmäßigen Ausdrucks- und Gestaltungsbereichen.

Eine bessere, weil treffendere Gliederung der Unterrichtsfächer wurde in der anglo-kamerikanischen Pädagogik vorgeschlagen: Gliederung in „Tool Subjects" und „Cultural Subjects" . Die „Tool Subjects" stellen die Werkzeuge bereits, um die Lernbereiche der „Cultural Subjects" bearbeitbar zu machen. Sie sind Mittel zum Zweck. Die wichtigeren Fächer sind jedoch diejenigen, welche die gesellschaftliche und kulturelle Realität des Lebensraumes mit den daraus erwachsenden Anforderungen für die dort lebenden Menschen aufschließen. Sie vermitteln die Begegnung mit den „Sachen" der Welt. Die „Werkzeugfächer" stehen im Dienst der Sachfächer, indem sie die Qualität der Auseinandersetzung mit und der Bewältigung von Problemen und Herausforderungen bestimmen.

Ohne sprachliche Kompetenz gibt es keine direkte sachgerechte und differenzierte Mitteilung, ohne Lesekompetenz keine indirekte Kommunikation. Das entscheidende Kriterium ist dabei die angemessene Vermittlung von Inhalten, von Sachverhalten und Befindlichkeiten. Die in der Schrift objektivierte Sprache setzt eine Übereinstimmung im Gebrauch der Schriftzeichen voraus, um die Lesbarkeit und Verstehbarkeit des Textes zu sichern: die Rechtschreibung als Mittel zum Zweck. Noch im 19. Jahrhundert war sie nicht genormt, die Dichter der deutschen Klassik verwendeten individuelle Ausprägungen. Heute ist diese Fertigkeit zu einem Kriterium menschlicher Qualität hochstilisiert worden: Die Schule soll ein „Rechtschreibgewissen" vermitteln, hat man schon gehört. Es wäre ausreichend, wenn der Rechtschreibunterricht durch passende individuelle Trainingsmethoden (Lehrprogramme) eine selbstverständliche Fertigkeit vermitteln würde. Die Überbetonung dieser leicht messbaren Fertigkeit (Fehlerzählen genügt) verhindert aber durchaus auch wichtige Fortschritte in der differenzierten schriftlichen Mitteilungs- oder Gestaltungsaufgabe. Lieber keine Rechtschreibfehler machen, als eine neue treffende Ausdrucksform zu wagen, denken nicht wenige Schülerinnen und Schüler. Hier wird eine andere Seite des Sprachunterrichts erkennbar: Als „Cultural Subject" hat er auch den Zugang zur Literatur, zur Sprachkunst zu erschließen und diesem Teil des Faches entsprechende Zeit zu widmen. In diesem Sinn gilt es „zum Lesen verlocken", wie ein Slogan des Buchklubs der Jugend lautete. Und in „Schreibwerkstätten" versucht man dem künstlerischen sprachlichen Ausdruck nachzuspüren.

Ohne mathematische Kompetenz gibt kein Verständnis für quantitative Komponenten der Lebensbewältigung, des Zählens, Messens und Berechnens etwa in den lebensbedeutsamen Fragen des Wirtschaftens im weitesten Sinn. Rechenfertigkeit ist dabei wichtig, das Lösen von mathematischen Sachaufgaben („Textaufgaben") wichtiger. Dabei lässt sich auch schon früh das Verständnis für die Mathematik als Disziplin anbahnen, z. B. das Entdecken der Zahl Pi angesichts von Aufgaben zur Umfang- oder Flächenberechnung des Kreises.

Im Bereich der allgemeinen Grundbildung (1. - 8. Schuljahr) müssen sich die „Cultural Subjcts" durch ihren Bildungssinn legitimieren. Sie schließen jeweils eine Dimension des Lebens auf. Unterrichtsfächer haben in diesem Sinn eine andere Funktion als wissenschaftliche Disziplinen, auch wenn Namensgleichheit vorliegt. So erklärt sich zumindest teilweise, dass nicht alle wissenschaftlichen Disziplinen im schulischen Fächerkanon der Grundbildung aufscheinen. Manche der Fächer verdanken ihre Präsenz allerdings auch der Tradition, durch welche Auswirkungen der Differenzierung der wissenschaftlichen Disziplinen verhindert werden. Manche Bereiche werden an traditionelle Fächer angekoppelt: Politikwissenschaft an die Geschichte (Sozialkunde), Ökonomie an die Geographie (Wirtschafskunde), Ökologie an die Biologie (Umweltkunde). Andere wichtige Disziplinen haben noch keine Repräsentanz im Fächerkanon der allgemeinen Grundbildung gefunden: Rechtswissenschaft, Gesundheitswissenschaft, Erziehungswissenschaft.

An einigen Beispielen sei dieser Bildungssinn erläutert. Der Geschichtsunterricht soll aufschließen, dass Menschen in ihrer Existenz immer Erben und Ahnherren zugleich sein, in einem zeitlichen Kontinuum leben. Obwohl wir in eine historische Situation hineingeboren werden, für die wir nicht verantwortlich sein können, müssen wir in ihr verantwortungsbewusst für die nächste(n) Generation(en) leben. Die Geographie (besser Erdkunde) vermittelt die Erfahrung, dass überall auf der Erde die Menschen versuchen, „Lebensräume" zu schaffen in der Anpassung an klimatische, geologische, hydrographische und andere Rahmenbedingungen. Physik (Naturlehre) vermittelt uns die naturgesetzliche Berechenbarkeit der Sachverhalte in der Welt. Im Bereich der allgemeinen Grundbildung sollte man sich dabei auf die Phänomenphysik beschränken: Das Beobachtbare und Messbare sollte beachtet werden, das Beobachten und Messen zur Formel für berechenbare Zusammenhänge führen. In der Biologie (Naturgeschichte) sollen die Schülerinnen und Schüler Verständnis für das Phänomen des Lebens entwickeln, das sie an den verschiedenen Ausprägungsformen des Lebendigen untersuchen können. In allen diesen Unterrichtsfächern gilt: Nicht die Vermittlung von Systematik und Vollständigkeit der jeweiligen Wissenschaft steht im Vordergrund, sondern die suchende, forschende Bearbeitung exemplarischer Beispiele. Wissenschaftspropädeutik ist Sache der Sekundarstufe II.

Der Fächerkanon ist neu zu bewerten. Hauptfächer sollten die „Cultural Subjects" sein, wobei auf deren Bereiche des gestaltenden Ausdrucks im Bildhaften und Bewegungsmäßigen in diesem Zusammenhang leider nicht mehr eingegangen werden konnte.