Helmut Seel / Vom "Spatz in der Hand" und der "Taube am Dach" - Strategien in der Lehrerbildungsreform

von Helmut Seel

Im Akademiestudiengesetz 1999 wurde in großkoalitionärer Übereinstimmung die hochschulmäßige Lehrerbildung für die Pflichtschullehrer in einer „Hochschulen für Bildungsberufe" beschlossen. „Die erforderlichen organisationsrechtlichen und studienrechtlichen Regelungen an diesen hochschulischen Einrichtungen" sollten „den für Hochschulen" (gemeint sind wohl Fachhochschulen) „und Universitäten üblichen Standards" (Akademiestudiengesetz 1999, § 1) entsprechen. In Hochschulgesetz 2005 wurde in der Zeit der Kleinen Koalition diese Reformabsicht nicht realisiert, der ÖVP ist es gelungen, den postsekundären Charakter der Pflichtschullehrerbildung zu erhalten und in den neuen Pädagogischen „Hochschulen" das Konzept der alten Pädagogischen Akademien zu konservieren. Bei dieser Aktion gelang auch die „Umfärbelung" der Schulleitungen, zu Rektoren wurden nur ÖVP -nahe Personen bestellt.

Die SPÖ hat dieses Hochschulgesetz 2005 abgelehnt, da es nicht den Intentionen der koalitionären Einigung von 1999 entsprochen hat, und legte einen alternativen Gesetzesentwurf vor, der aber von der Mehrheit im Unterrichtsausschuss des Nationalrats verworfen wurde. Dieser Gesetzesentwurf hätte zu Pädagogischen Hochschulen geführt, die zumindest den Status von Fachhochschulen mit Durchlässigkeit zur Universität aufgewiesen hätten, allen Pflichtschullehrern einen akademisch anerkannten Studienabschluss gebracht und einen wesentlichen Schritt zu einer einheitlichen Mittelstufenlehrerausbildung getan hätte.

Im Koalitionsabkommen für diese Regierungsperiode wird festgehalten, dass bezüglich der Pädagogischen Hochschulen „in der Umsetzung des Hochschulgesetzes 2005 .... eine Stärkung der Autonomie" und eine „Sicherstellung der Durchlässigkeit und Kooperation zwischen der Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen und Universitäten" erfolgen sollte (sieh Punkt 12 im Kapitel Bildung). Beides ist nur durch eine entsprechende Novellierung des Hochschulgesetzes 2005 erreichbar. Weiters wird ausdrücklich festgelegt, dass (siehe Punkt 3 im Kapitel Wissenschaft) ein „weiterer Ausbau des Bologna-Prozesses speziell auch für Lehramtsstudien" erfolgen sollte.

Es läge daher nahe, dass die SPÖ-Unterrichtsministerin zügig darangeht, dass Hochschulgesetz 2005, das von der ÖVP-Unterrichtsministerin in unzulänglicher Form im Parlament durchgepeitscht und dort von der SPÖ abgelehnt wurde, durch eine Novellierung zu verbessern. Den Pädagogischen Hochschulen müsste eine hochschulmäßige Autonomie (Selbstverwaltung, Leiterwahl) eingeräumt werden und die universitätsadäquate Studiengestaltung als Voraussetzung für die Durchlässigkeit zu den Universitäten durch Einsetzung eines weisungsfreien Rats der Pädagogischen Hochschulen in Analogie zum Fachhochschulrat sicher gestellt werden.

Leider gelingt es die ÖVP offensichtlich, von der Problematik des Gehrer - Elaborats abzulenken und konkrete Verbesserungen der Pflichtschulehrerbildung zu verhindern. Sie gibt ein diffuses Versprechen, irgendeinmal (2010 könnte man eventuell ein Konzept erarbeitet haben) eine gemeinsame Ausbildung aller Lehrerkategorien einzuführen. Das Wie bleibt dabei noch mehr im Dunklen als das Wann. Das bedeutet jedenfalls, dass in dieser Legislaturperiode an eine Realisierung nicht zu denken ist.

Die Frau Unterrichtsministerin Dr. Schmied stimmt diesen Vorschlägen offensichtlich zu. Heißt dies aber auch, dass anstehende Reformnotwendigkeiten in der Pflichtschullehrerbildung dadurch nicht in Angriff genommen werden sollen ? Möchte sie sich das Nahziel der Novellierung des Hochschulgesetzes 2005 ersparen im Hinblick auf das diffuse Fernziel, das auch freilich den Idealvorstellungen einer sozialdemokratischen Bildungspolitik entspricht. Dass man auf die langfristige Verlässlichkeit der Aussagen der ÖVP-Bildungspolitiker (die Realisierung könnte ja erst in der nächsten Gesetzgebungsperiode erfolgen) nicht setzen sollte, könnte man doch aus dem Schicksal der Abmachungen zum Akademiestudiengesetz lernen.

Hier deutet sich eine traurige Analogie zu den verdienstvollen Initiativen der Frau Unterrichtsministerin zur Einführung der allgemeine Mittelschule an: Der begrüßenswerte Vorstoß der Unterrichtsministerin endete bekanntlich in den von der ÖVP erzwungenen Schulversuchen, die eine politische Entscheidung für achte Jahr vertagt.

In der Frage der Pflichtschullehrerbildung hingegen sollte Frau Unterrichtsministerin Dr. Schmied das Naheliegende (die Reform der Hochschulgesetzes 2005) tun, ohne dabei das Fernziel (die gemeinsame Ausbildung aller Lehrer an Universitäten) aus dem Auge zu verlieren. Die Novellierung des Hochschulgesetzes 2005 im Sinne des SPÖ-Entwurfs wäre ein wesentlicher Zwischenschritt in Richtung auf dieses Fernziel. Ein abschließender Appell an die Frau Unterrichtsministerin mit einem lateinischen Sprichwort: „Carpe Diem !"