Anfang Dezember werden die Ergebnisse von PISA 2009 mit dem Schwerpunkt Lesefähigkeit neben den Untersuchungsbereichen Mathematisches bzw. Naturwissenschaftliches Verständnis veröffentlicht. Überraschungen sind nicht zu erwarten. Die Mittelmäßigkeit der Leistungen der österreichischen Schüler am Ende der Sekundarstufe I wird sich im internationalen Vergleich bestätigen.
Um das vorauszusagen zu können, muss man kein Prophet sein; es genügt der Sachverstand. Der kann sich auf Befunde zwischenzeitlicher Untersuchungen der Schülerleistungen am Ende der Grundschule berufen. PIRLS (Progress in International Literacy Study) 2006 wies nur durchschnittliche Leseleistungen der österreichischen Schüler auf: 528 von 600 möglichen Punkten wurden erreicht, Platz 20 unter 45 teilnehmenden Staaten und signifikant schlechter als beispielsweise Ungarn, Italien, Schweden, Deutschland, Niederlande, Dänemark und Luxemburg. Der OECD-Durchschnitt lag bei 537 Punkten. Im internationalen Vergleich war besonders des Ausmaß der Schüler mit völlig unzureichenden Leseleistungen hoch: 16 % (rd. 14.000 Schüler hochgerechnet). TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) Grundschule 2007 zeigte Vergleichbares in Mathematik und den Naturwissenschaften. 505 von 600 möglichen Punkten ergaben Platz 17 unter ... teilnehmenden Staaten in Mathematik (EU-Durchschnitt 514 Punkte). 526 Punkte in der Naturwissenschaftlichen Kompetenz führten zu Platz 15 (EU-Durchschnitt 525 Punkte). Die Quintessenz: Die in den PISA-Untersuchungen aufgewiesenen mittelmäßigen Leistungen der österreichischen Schüler haben ihre Wurzeln bereits in der Grundschule.
Dafür können mindestens zwei Ursachen identifiziert werden:
- Wesentlich ist die Stellung der Grundschule im Gesamtsystem der Schule. So lange am Ende der Grundschule eine Selektionsentscheidung für verschiedene unterschiedlich wertgeschätzte Schularten der Sekundarstufe I zu treffen ist, prägt dies das Lehrerverhalten, das unter Erwartungsdruck der Eltern steht. Möglichst viele und gut vorbereitete Schüler für den AHS-Eintritt zu produzieren, steht im Vordergrund der pädagogischen und didaktischen Bemühungen. Bereits in der Grundstufe (Schulstufen 1 und 2) beginnen manche Lehrer ihre Schüler gedanklich zu sortieren und fokussieren ihre Bemühungen auf die vermeintlichen zukünftigen AHS-Schüler. Erst die Entlastung der Grundschule von der Ausleseaufgabe infolge des Gesamtschulcharakters der Sekundarstufe I könnte eine Einstellungsänderung bewirken. Die Förderung aller Schüler zum Erreichen einer allgemeinen und grundlegenden Befähigung zum weiterführenden Lernen in der Sekundarstufe müsste im Zentrum stehen. Erst in der Sekundarstufe kann und soll eine fundierte Entscheidung hinsichtlich der anschließenden Bildung in der Oberstufe (Sekundarstufe II) des Schulsystems fallen, von der Studienvorbereitung in der AHS über unterschiedliche berufsbildende Schulabschlüsse bis hin zur Berufsschule als Begleitung der betrieblichen Lehre.
- Weiters sind Mängel und Lücken in der schulpädagogischen Forschung, insbesondere in der Fachdidaktik der Grundschule festzustellen. Diese wird von den Universitäten kaum gepflegt, da die dort ausgebildeten Lehrer im Sekundarbereich des Schulsystems tätig sind und dieser Bereich daher im Mittelpunkte der Forschungsinteressen steht. Die Pädagogischen Akademien als Ausbildungsstätten der Volksschullehrer hatten als Schulen keinen Forschungsauftrag. Und auch in den neuen Pädagogischen Hochschulen ist der Forschungsauftrag ungenügend ausgeprägt. Dazu kommt, dass das wissenschaftliche Denken der Studierenden durch ein übertrieben modulares Konzept der Ausbildungscurricula zu wenig gepflegt wird. Dies wirkt in die Richtung einer Rezept-Pädagogik/Didaktik und begründet zu wenig Befähigung zur Handlungsforschung als Problemlöseverhalten der Lehrer. Erst das Vertrautsein mit der wissenschaftlichen Theorie (Verfahren und Ergebnisse) befähigt den Lehrer zur Entwicklung einer situationsbezogenen Handlungstheorie in Erziehung und Unterricht.
Die Erneuerung der Grundschule tut not. Reformen der Schulorganisation und der Lehrerbildung sollten dies im Auge haben!