Die Bedeutung der fachlichen Kompetenz in der Lehrerbildung und im Lehramt

von Georg Hans Neuweg

In  der  Forschung  zum  Lehrerberuf  erlebt  die  Fachkompetenz  seit  einiger  Zeit  eine enorme  Renaissance  (vgl.  Neuweg,  2010,  2011).  Schon  in  den  1980er-  und  1990er-Jahren  zeigten  qualitativ  orientierte  Fallstudien,  dass  die  fachliche  Kompetenz  der Lehrkraft den Unterricht bis in die Details hinein bestimmt und prägt. Eine groß angelegte  quantitative  Studie  im  Bereich  der  Mathematik-Didaktik  in  neuerer  Zeit  konnte nun  eindrucksvoll  die  Bedeutung  der  Fachkompetenz  für  die  didaktische  Kompetenz und den Unterrichtserfolg belegen (vgl. Kunter et al., 2011). Es konnte gezeigt werden, dass  fachdidaktische  Kompetenz  sehr  eng  mit  Fachkompetenz  assoziiert  ist  und  die Leistungszuwächse  der  Schüler/innen  stark  beeinflusst.  Fachdidaktisches  Können schlägt sich im Unterricht in mehrfacher Weise deutlich nieder: Der Unterricht fachdidaktisch kompetenter Lehrkräfte ist kognitiv anregender; die Aufgaben sind anspruchsvoller, es wird eher das Denken geschult und es werden weniger Routinen eingeschliffen. Die Schüler/innen erfahren aber auch mehr und bessere individuelle Lernunterstützung, die offenbar ebenfalls „auf fachdidaktisches Wissen und Können angewiesen ist und nicht (allein) als Ausdruck einer Haltung der sozialen Fürsorge verstanden werden darf“  (Baumert & Kunter, 2011, S.182).  Nicht  zuletzt  konnte  gezeigt  werden,  dass Fachwissen  und  fachdidaktisches  Können  in  hohem  Maße  ausbildungsabhängig  sind. Daraus folgt, „dass Ausbildungsprogramme, die Kompromisse in der fachwissenschaftlichen Ausbildung eingehen, negative Rückwirkungen auf die Entwicklung des fachdidaktischen  Wissens  und  in  der  Konsequenz  auf  die  erfolgreiche  Unterrichtstätigkeit haben“ (Baumert & Kunter, 2011, S. 185).

Die  verbreitete  Auffassung,  dass  bei  jüngeren  Schüler/inne/n  der  pädagogischen  Ausbildung auf Kosten der Ausbildung in Fach und Fachdidaktik mehr Raum gegeben werden  dürfe  oder  sogar  müsse,  ist  übrigens  problematisch.  Auch  der  Unterricht  in  der Grundschule  kommt  ohne  „logotrope“  Orientierung  der  Lehrkraft  (Caselmann, 1949)icht aus. So zeigt eine neuere Untersuchung aus den USA, dass Volksschullehrerinnen, die auch in Amerika in der Ausbildung fachlich kaum gefordert werden, ihre Mathematik-Ängstlichkeit  in  Form  negativer  Fähigkeitsselbstkonzepte  auf  ihre  Schülerinnen übertragen, was wiederum deren fachliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt (Beilock et al., 2010). Durch eine Anhebung des Niveaus der Fachausbildung auch bei Lehrkräften für die Grundschule und im Sekundarbereich  I  muss deshalb vermieden werden, dass Personen,  die  sich  nur  über  „das  Pädagogische“  motivieren,  in  solche  Ausbildungen strömen.

„PädagogInnenbildung NEU“ und mögliche Konsequenzen

Auf den ersten Blick scheint man auch bei der Lehrerbildungsreform in Österreich der Fachlichkeit  große  Bedeutung  beizumessen.  Denn  auch  die  von  Peter  Härtel  geleitete ExpertInnengruppe  hatte  in  ihrem  im  März  2010  vorgelegten  „Endbericht“  erkannt: „Die fachliche Souveränität stellt die Basis jeder Lehrtätigkeit dar. Der fachlichen Ausbildung kommt daher – unabhängig vom Schultyp – ein hoher Stellenwert zu“ (Härtel et al., 2010, S. 25).

Tatsächlich steht die österreichische Diskussion um eine Reform der Lehrerbildung aber stärker im  Zeichen der  Pädagogisierung. Die  genauere Analyse zeigt: Für die Ausbildung der Sekundarstufenlehrkräfte sind Einbußen an Fachlichkeit durchaus zu befürchten:

Auszug aus:

Georg Hans Neuweg / Reine Pädagogik – nackte Pädagogen; Fachkompetenz im Zeitalter der „Kompetenzorientierung“ 1