Lehrerbildung Neu durch Bildungspolitik Alt!?

von Klaus Satzke

Es ist schon eine einigermaßen kuriose Situation, die der „Standard“ v. 9.1.2012 unter dem Titel „Ministerielles Gerangel um die neue Lehrerbildung“ zutage fördert. Wenn man den Ausführungen von Lisa Nimmervoll im Standard glauben kann, dann setzt sich der Wissenschaftsminister vehement für ein vernetztes System der Zusammenarbeit zwischen den Institutionen der Lehrerbildung unter dem Primat der Universitäten ein, die Unterrichtsministerin verfolgt hingegen ein Konzept der gesonderten Weiterentwicklung der Pädagogischen Hochschulen hin zu Pädagogischen Universitäten. Diese Art der Polarisierung kann nicht gut sein für eine „Lehrerbildung neu“ und sie ist wohl auch das Ergebnis einer unprofessionellen Bildungspolitik.

Man erinnert sich: Am Anfang der Entwicklung stand die richtige Erkenntnis der Unterrichtsministerin, dass jegliche Art von erfolgreicher Schulentwicklung nur auf der Grundlage einer verbesserten Lehrerbildung möglich ist (siehe die Pressekonferenz von Claudia Schmied und Wissenschaftsminister Johannes Hahn vom 26.1.2009).
Dabei schien klar zu sein, dass es um eine Lehrerbildung geht, die nicht parallel auf zwei Geleisen fährt (hier universitäre Lehrerbildung, dort Lehrerbildung an den Pädagogischen Hochschulen) und die keine finanziellen und personellen Ressourcen vergeuden will.

In die 2009 eingerichtete Arbeitsgruppe wurden Experten sowohl aus dem Bereich der Universitäten als auch der Pädagogischen Hochschulen sowie von Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen aus Deutschland und der Schweiz eingeladen.

Schon damals musste klar sein, dass sich ein anspruchsvolles Konzept auch mit der gegebenen institutionellen Situation (Lehrerausbildung an 8 Universitäten, 6 Kunstuniversitäten und 14 Pädagogischen Hochschulen) und den notwendigen strukturellen Konsequenzen für die Zukunft auseinandersetzen muss.

Anzuerkennen ist, dass sich diese sogenannte „ExpertInnengruppe“ vor dieser Thematik nicht gedrückt hat, sondern der Frage nachging, „wie eine vernetzte Struktur der Institutionen zur LehrerInnen- und ErzieherInnenbildung aussehen könnte, die vorhandene Stärken nutzt und
Mängel minimiert.“

Die Antworten der Kommission, die mit dem Schlussbericht im Herbst 2010 vorgelegt wurden, erschienen zum damaligen Zeitpunkt manchem Leser vielleicht übervorsichtig und undeutlich, aus heutiger Sicht – vor dem Hintergrund des bestehenden Hickhacks der beiden Minister - müssen die nachfolgend zitierten Aussagen als ausgesprochen visionär angesehen werden. Die ExpertInnengruppe fordert eine Vernetzung der Institutionen in Form von Clustern. Sie versteht darunter

„ ein verbindliches Modell der Abstimmung und ein theoretisch fundiertes, in Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung erprobtes, hinsichtlich Effektivität und Qualität bewährtes Konzept, das auch für die PädagogInnenbildung erfolgversprechend ist, sofern die erforderlichen Voraussetzungen geschaffen werden. Dazu zählen klare Ziel- und Rahmenvorgaben, Führungs- und Steuerungsstrukturen sowie die Gestaltung von Arbeits- und Entwicklungsprozessen, die abgestimmtes, verantwortliches und ergebnisorientiertes Handeln ermöglichen und die die jeweiligen Stärken der Cluster-Partner zum Tragen kommen lassen und Schwächen und Defizite minimieren bzw. eliminieren. Die dafür erforderlichen strukturellen, organisatorischen, finanziellen und gesetzlichen Grundlagen sind zu erarbeiten und zu sichern.

Leider ist festzustellen, dass bis zum heutigen Tag in die angedeutete Richtung – Schaffung eines qualitätssichernden Gremiums, das mit hoher Eigenverantwortung agieren kann - wenig, um nicht zu sagen nichts getan wurde.

Im Jänner 2011 hat dann eine weitere Gruppe, die sogenannte Vorbereitungsgruppe, unter der Leitung von Andreas Schnider ihre Arbeit aufgenommen und bis Ende Juni 2011 konkrete Umsetzungsvorschläge als Basis für die gesetzliche Verankerung der „PädagogInnenbildung NEU“ ausgearbeitet. Diese Vorschläge rücken von weitergehenden Vernetzungsvorschlägen beträchtlich ab und tendieren in die Richtung einer gemeinsam abgestimmten Entwicklung zwischen getrennten Institutionen im Wege eines Entwicklungsrates. Konkret heißt es im Papier:

 Weiterentwicklung der Pädagogischen Hochschulen, damit sie tertiäre Träger im Sinne der beschriebenen Anforderungen werden können (betrifft das Dienstrecht für Lehrende und das Hochschulgesetz)
 Schaffung von Trägern an Universitäten (Organisationseinheiten mit besonderer Eigenständigkeit, betrifft das Universitätsgesetz)
 Ermöglichung gemeinsamer Ressortzuständigkeiten
 die Einrichtung eines Entwicklungsrates (möglichst noch 2011) nebst einer klaren Beschreibung von dessen Aufgaben gegenüber den Trägern

Wie es zu diesem reduktiven Vorgang gekommen ist, ist nicht erklärt. Damit war aber jedenfalls ein Prozess eingeleitet, der sich dann auch im Meinungswandel der Ministerin manifestierte.
Schon kurz danach kündigte die Ministerin Sommergespräche mit dem Wissenschaftsminister über die politische Akkordierung der neuen Lehrerbildung an. Auch über diese Gespräche hat man nie etwas Genaueres erfahren, jedenfalls erscheint danach das Verhältnis der beiden Minister zueinander ziemlich abgekühlt bis gespannt.
Es ist schon mehr als merkwürdig, dass über solche Vorgänge, die ja letztendlich entscheidende Weichenstellungen im Bildungswesen darstellen, nicht auch öffentlich informiert wird. Es ist darüber hinaus schlichtweg inakzeptabel, wenn über die Möglichkeiten einer vernetzten, institutionsübergreifenden Lehrerbildung nicht ordentliche Verhandlungen mit einer entsprechenden Themengliederung vorliegen. Wurde vielleicht nicht einmal der Versuche gemacht, in dieser Frage Fortschritte zu erzielen und wurde vielleicht nur blockiert? Niemand weiß Genaues, aber die Zeitungen berichten über ein Gerangel zwischen den Ministern! Das ist doch wohl eine Untertreibung!

Dabei geht es in dieser komplexen Frage gar nicht prioritär um das Verhältnis der beiden Minister, sondern darum, ob sie willens und in der Lage sind, ein Gremium einzurichten, das mit hoher fachlicher Expertise ausgestattet ist und das eigenverantwortlich zu Schlussfolgerungen über die wertvollen und unverzichtbaren Ausbildungselemente der derzeitigen universitären und hochschulischen Lehrerbildung gelangt (Stichwort: Akkreditierung), diese Elemente zu einem neuen Ganzen zusammenfügt und darüber hinaus langfristige qualitätssichernde Maßnahmen setzt. Das ist nicht Aufgabe der Minister, schon gar nicht der Ministerbüros und auch nicht der Ministerialbürokratie!

Wer macht dem Wissenschaftsminister klar, dass eine neue Lehrerbildung ein gewisses Maß an Steuerung benötigt, die sich von Qualitätszielen der Ausbildung ableitet und nicht völlig der Beliebigkeit einer unbegrenzten Autonomie überlassen werden kann?

Wer macht der Unterrichtsministerin klar, dass ein Qualitätsprojekt „Pädagogische Universitäten“ über die Schiene der Pädagogischen Hochschulen ein Jahrzehnteprojekt ist und dass eine Lehrerbildung neu nicht darauf warten kann, bis sie an dieser Baustelle die Dachgleiche erreicht hat!

Bemerkenswert ist, dass die Ministerin noch kurz vor Jahresende einen Entwicklungsrat vorgestellt hat, der aus 2 (!) Personen besteht und bei Bedarf durch ExpertInnen ergänzt werden kann. Seine Aufgabenbeschreibung enthält auffallend oft die unverbindliche Formulierung „Beratung, Empfehlung, Koordinierung“ und die angeführten Aufgaben beschränken sich ausschließlich auf die Pädagogischen Hochschulen.
Aber auch im Umfeld des Wissenschaftsministers war man nicht untätig: Die Universitätenkonferenz hat eine „Task Force Lehramt“ eingerichtet. Aufgabenstellung? Unbekannt!
Die Gräber sind ausgehoben! Wann findet das feierliche Begräbnis für die Lehrerbildung neu statt?