M. Hengstschläger hat mit seinem Buch "Die Durchschnittsfalle" bemerkenswerte Beachtung in der interessierten Öffentlichkeit gefunden. Die Konsequenzen, die für das Schulsystem gezogen werden können, lassen die aktuelle Oberstufenreform der AHS alt aussehen. Hengstschläger im Originalton: "Wir haben es nicht verhindert, dass sich ein super effizientes System durchgesetzt hat, seinem Gegenüber zu sagen, was es nicht kann, um ihm anschließend zu sagen, dass es sich nur mehr damit beschäftigen soll, was es nicht kann. Das führt dazu, dass dieses Kind in seinen schlechten Fächern Durchschnitt wird und das Fach, in dem es die ausgezeichnete Note hatte, vernachlässigt und auch dort Durchschnitt wird. ... Ein rein defizitorientiertes System ist talentfeindlich und frührt uns mit Vollgas in die Sackgasse des Durchschnitts" [160].
Der Befund ist nicht neu, die Bildungspsychologin Ch. Spiel z. B. hat ihn in empirischen Studien nachgewiesen. Die bestehende Schulorganisation ist jedoch im Oberstufenbereich noch immer begabungsfeindlich. Nochmals M. Hengstschläger; "Wir können uns das Anstreben eines Duchschnitts, selbst das Ziel, viele auf ein gemeinsames gleich hohes Niveau zu bringen, nicht leisten, weil die dadurch fehlende Individualität den Menschen in letzter Konsequenz zu einer vom Aussterben bedrohten Art machen kann" (154).
Dazu ein Blick auf die Oberstufe unseres Schulsystems, insbesondere die höheren Schulen, die gemeinsam eine höhere Bildung anstreben. Bei den fünfstufigen berufsbildenden höheren Schulen darf angenommen werden, dass sich Interessen und Befähigungen bereits in der Schulwahl manifestiert haben: technisch, wirtschaftlich, sozial. Die AHS-Oberstufe hingegen bereitet erst auf eine Berufsbildung auf der tertiären Ebene des Bildungssystems, den Universitäten und Hochschulen, vor. Hier erscheint es sinnvoll, den Begriff der "höheren Allgeinbildung" zu untersuchen. Er enthält immer eine allgemeinbildende und eine berufsbildende Komponente. Allgemeinbildung ermöglicht, in Bereichen, in welchen man nicht kompetent ist, begründet Vertrauen zu schenken, Berufsbildung ermöglicht die Übernahme von Verantwortung in den Bereichen, in denen einem auf Grund von Kompetenz Vertrauen geschenkt wird. In den berufsbildenden höheren Schulen wurden diese Bereiche bereits geschieden. In der AHS-Oberstufe hingegen herrscht noch ein überholtes Verständnis von höherer Allgemeinbildung vor. Sie wird als Summe des Wissens und Könnens im traditionellen Fächerkanon des Gymnasiums des 19. Jahrhunderts verstanden. Nur geringfügig wurde dieser im 20. Jahrhundert modifiziert. Neue relevante Lernbereiche wurden meist mit traditionellen Fächern verknüpft: Sozial-/Gesellschaftskunde mit Geschichte, Wirtschaftskunde mit Geographie, Umweltkunde mit Biologie. Das Ziel ist gleich geblieben: die Beherrschung aller Anforderungen auf einheitlich hohem oder zumindest durchschnittlichem Niveau.
Dieses Verständnis von Allgemeinbildung gilt es zu überwinden. Die höhere Allgemeinbildung soll die Menschen befähigen, mit den im persönlichen und gesellschaftlich-politischen Bereich auftretenden Problemen und Herausforderungen in besonderer Weise fertig zu werden: Urteilen, Entscheiden und Handeln sind gefordert und müssen gelernt werden. Dazu müssen die relevanten Bereiche in den Unterrichtsgegenständen aufscheinen und in exemplarischer (an Beispielen erarbeiteter) Form aufgeschlossen werden. Manche Lernbereiche fehlen im Fächerkanon jedenfalls noch immer: z.B. das Rechtssystem, die Medizin. In mancher Hinsicht wird man daher in ungebildeter Form aus der Schule entlassen.
Daneben hat die AHS auf die berufsbildenden Studien vorzubereiten Diese sollen den individuellen Befähigungen und Interessen entsprechen. Dazu müssen in der für die Unterrichtsgegenstände zur Verfügung stehenden Zeit Schwerpunkte gesetzt, Profilbildungen ermöglicht werden. Dadurch lassen sich Entscheidungen über eine begabungsgerechte und interessengeleitete Studienwahl verbessern und die Orientierungslosigkeit vieler Studienanfänger reduzieren. Die Unterrichtsgegenstände haben sowohl höhere Allgemeinbildung als auch begabungsentsprechende Studienvorbereitung zu vermitteln.
ln den Schulversuchen in der AHS-Oberstufe, die von 1971 bis 1982 liefen, wurden in unterschiedlichem Ausmaß Wahlpflichtfächer erprobt. Außerdem war in dem von ÖVP-Experten entwickelten Modell Leistungsdifferenzierung mit zwei Anforderungsebenen in etlichen Unterrichtsgegenständen des verpflichtenden Fächerkanons vorgesehen. Eine umfassende Erneuerung der AHS-Oberstufe ist jedoch am Widerstand der Traditionalisten gescheitert. Andere Staaten haben den Oberstufenbereich der allgemeinbildenden Schulen längst reformiert: Die gymnasiale Oberstufe in Deutschland kennt die Kombination von Grund- und Leistungskursen. In der Sixth Form des englischen Schulsystems wählen Schüler die Fächer, die zur Aufnahme an der Universität gebraucht werden.
Die österreichische Reform der Oberstufe mit der Modularisierung der Inhalte in Semestereinheiten hat an den gleichen Anforderungen für alle in allen Unterrichtsgegenständen festgehalten. Auch die Reduzierung des Repetierens wird wohl nicht erreicht werden: Manche Schüler werden eben ein Jahr länger brauchen, bis sie alle Modulprüfungen abgeschlossen haben und zur Reifeprüfung zugelassen werden. Zum Abschluss noch einmal M. Hengstschläger: "Wissen Sie, dass einen neuen Weg nur gehen kann, wer den alten verlässt?"