Eine Mittelstufenreform braucht ein Konzept der Schulentwicklung
von Klaus SatzkeArtikel drucken
Angesichts des Dilemmas mit einer Mittelschulreform, die ja wieder einmal nur eine Hauptschulreform ist, suchte und fand der SPÖ-Bildungssprecher Elmar Mayer starke Worte. Im Morgenjournal des ORF v. 30.3.2012 äußerte er sich wie folgt: „Ich kann mir keinen Koalitionspakt für die nächste Legislaturperiode 2013-2018 vorstellen, wo nicht das Bestreben einer Gemeinsamen Schule der 10-14-Jährigen drinnen ist.“ Das ist wahrlich eine kühne Feststellung, bedenkt man, dass es die SPÖ seit den Schulversuchen zur Gesamtschule in den 70er-Jahren nie mehr geschafft hat, eine diesbezügliche Forderung auch nur andeutungsweise in einem Regierungsprogramm unterzubringen. Sollten die Aussagen von Abg. Mayer mehr sein wollen als lediglich ein Ablenkungsmanöver, dann provozieren sie die Frage, ob mit der Zielstellung auch konkrete Strategien der Zielerreichung verbunden sind. Jedenfalls ist es für das Dilemma sozialdemokratischer Bildungspolitik in der 2. Republik charakteristisch, dass in oftmals ermüdender Weise hehre Zielsetzungen formuliert werden, denen dann in der praktischen Politik ein eklatanter Mangel an mittel- und langfristigen Durchsetzungsstrategien gegenübergestanden ist.
Der Abg. Elmar Mayer wäre daher zu fragen, ob die SPÖ ein schlüssiges Konzept für eine Gemeinsame Schule der Mittelstufe hat, das den gesellschaftlichen Anforderungen und individuellen Bedürfnissen am Beginn des 21. Jahrhunderts entspricht, und ob sie auch konkrete Vorstellungen über die Erreichung der Ziele hat.
Konkrete Überlegungen zu den erforderlichen Schulentwicklungsprozessen sind jedenfalls notwendig, bedenkt man
• dass unter den aktuellen Gegebenheiten regional extrem variierender Standortunterschiede eine Systemumstellung in Richtung Gesamtschule, die annähernd gleiche Bildungschancen an allen Schulen der Mittelstufe sichern will, eine enorme Herausforderung darstellt,
• dass das Modell der Sprengelschule, also der wohnortnahen Schule (wie im Grundschulbereich) oftmals mit extremen wohnort-spezifischen soziokulturellen Gegebenheiten konfrontiert ist (siehe Migrationsproblematik), die einen nachhaltigen Einfluss auf das Schulgeschehen und die Schulqualität haben,
• dass die Alternative einer Quotenregelung, die an Schulen eine annähernd gleiche soziale Symmetrie intendiert, rasch an die Grenzen des politisch Machbaren stößt (Umverteilung von Schülergruppen unter Bedingungen einer bürokratischen Zwangsregelung).
Gewiss, Schulreform ist unter diesen Bedingungen schwierig, aber nicht chancenlos, wenn man sich nur der Tatsache bewusst ist, dass es nicht genügt, programmatische Parolen zu formulieren, sondern dass es um mittel- und langfristige, systematische, konsequente, nachhaltige, das aktuelle Geschehen reflektierende Einflussnahme auf komplexe Entwicklungsprozesse geht.
Unter Berücksichtigung obiger Argumente muss man zum Schluss kommen, dass eine Systemumstellung in Richtung einer Gemeinsamen Schule im Mittelstufenbereich nur als ein mehrjähriger, sich über mindestens 2 Legislaturperioden erstreckender Qualitätsentwicklungsprozess verstanden werden muss, der an die Stelle eines sinnlosen, nachweislich schädlichen Konkurrenzmodells zwischen Schulen ein Modell nachhaltiger Kooperation in den unterschiedlichen Bildungsregionen setzt.
Von dieser Position aus betrachtet ist es schon bemerkenswert, dass die ursprüngliche Gesetzesvorlage aus dem Jahre 2007 zur „Einführung von Neuen Mittelschulen in Modellregionen“ eigentlich sehr nahe bei einer derartigen Konzeption war. Allerdings ist die damals erst kurz im Amt befindliche Ministerin Dr. Schmied und ihr Team bei den Verhandlungen mit der ÖVP grandios gescheitert. Das hatte viele Gründe, einer davon war sicher – da ist Elmar Mayer Recht zu geben - die fehlende Grundlage im Regierungsübereinkommen. Viel gravierender aber war die Unterschätzung der Komplexität des Themas und die mangelnde Aufklärung der Öffentlichkeit darüber, was eigentlich erreicht werden soll. Mit anderen Worten: Ohne ausreichende konzeptionelle Vorarbeiten kann man vielleicht dann und wann tagespolitisch punkten, eine längerfristige Schulentwicklung ist aber so nicht realisierbar. Einige unverzichtbare Punkte für ein offensichtlich fehlendes Konzept der Schulentwicklung im Mittelstufenbereich sollen im Folgenden kurz skizziert werden:
- Qualitätsentwicklung ist mehr als eine Verteilung zusätzlicher Lehrerstunden mit der Gießkanne. Da ein Teil der Schulen im Bereich der Sekundarstufe I unter extrem schwierigen Rahmenbedingungen arbeitet, müssen diese Standorte identifiziert und ein spezifisches Stützungs- und Hilfsprogramm ausgearbeitet werden (Stichwort „gezielte Standortentwicklung“).
- Kooperation zwischen Schulen und Schularten (Stichwort „Kooperation in Modellregionen“) kann nicht eine Frage der Befindlichkeit einzelner Schulkollegien sein, sondern sie muss einen eindeutigen Verbindlichkeitscharakter im Rahmen gesetzlicher Regelungen erhalten.
- Kooperationsmodelle können nicht einfach von oben vorgegeben werden, sondern sie müssen auf einer erweiterten Schulautonomie, also auf erweiterten Mitspracherechten aller Schulpartner aufbauen, benötigen daher auch geeignete Entscheidungsstrukturen (Rolle der Schulleitungen).
- Eine Verschiebung der Bildungslaufbahnentscheidung (das ist inhaltlich ein zentraler Punkt) muss – zumindest mittelfristig - einhergehen mit der Sicherung einer freien Schulwahl durch Schüler / Eltern, nicht nur aufgrund demokratiepolitischer Überlegungen, sondern auch deshalb, weil durch dieses „Marktelement“ Qualität gesichert wird.
- Ein Qualitätsprojekt „Gesamtschule“ setzt ein hohes Maß an Unterstützung, Motivierung und auch kontinuierlicher Beobachtung von Schulentwicklung voraus. Unter den Bedingungen einer kompetenzmäßig zweigeteilten Schule (hier Schulen in der Landeshoheit, dort Bundesschulen) ist dies kaum möglich. Eine Verwaltungsreform, die eine einheitliche Kompetenzlage mit Autonomiefreiräumen schafft, und ein schulwissenschaftliches Monitoring ermöglicht, ist daher unabdingbar.
- Und last, but not least: Wenn es nicht gelingt, endlich die unsinnige, auf zwei unterschiedliche Institutionen verteilte Ausbildung von Hauptschul- und AHS-Lehrern zusammenzuführen (einheitliche Mittelstufenlehrerausbildung), bleibt das Bekenntnis zu einer Gemeinsamen Schule ein reines Lippenbekenntnis. Bedenkt man, dass Lehrerausbildung immer ein Langzeitprojekt ist, dann muss der aktuelle Stand der politischen Bemühungen um eine neue Lehrebildung jedenfalls einigermaßen bedenklich stimmen.