Lehrerbildung Neu – Chaos als Programm

von Klaus Satzke

Sollte die Tagung allerdings  zu konkreten  Ergebnissen führen, dann kommen die Ergebnisse für die laufende Legislaturperiode  schlicht und einfach zu spät. Oder sollte die Tagung nur eine jener Art von sattsam bekannten Festveranstaltung sein, die Ergebnisse dort vortäuscht, wo Ergebnisse in Wahrheit fehlen?

Das Projekt einer neuen Lehrerbildung, dessen Startschuss  im Jänner 2009 mit einer gemeinsamen Pressekonferenz von Unterrichtsministerin Schmied und Wissenschaftsminister Hahn erfolgte, droht nun – gegen Ende der Legislaturperiode - vollends im Chaos zu versinken.

Die Unterrichtsministerin  kündigte ursprünglich eine umfassende Reform der Lehrerbildung an und reduziert nun in den letzten Monaten diesen hohen Anspruch  auf eine isolierte Weiterentwicklung der Pädagogischen Hochschulen. Sie vergeigt damit alle Chancen auf eine schrittweise Zusammenführung zweier institutionell  getrennter Formen der Lehrerbildung und versteinert damit ein System einer Lehrerbildung auf 2 Niveaus.

Es gibt keine klare Positionierung der Ministerin in Sachen Lehrerbildung

Ihre Kursänderungen  in Sachen Lehrerbildung hat sie nie ausreichend erklärt.  Nach 2 Jahren Diskussion gibt es weder ein zusammenfassendes Papier über ihre Position als zuständige Ministerin noch ein in der Koalition akkordiertes  Konzept, schon gar nicht eine Vereinbarung mit dem Amtskollegen Dr. Töchterle vom Wissenschaftsressort, aber auch keine Veränderungsvorschläge  für das Hochschulgesetz 2005 bzw.  Initiativen für  eine Novellierung des Universitätsgesetzes 2002 betreffend Lehramtsstudien an Universitäten. Hingegen gibt es jede Menge Expertisen, bei denen unklar ist, ob sie sich mit der Auffassung der Ministerin decken, und darüber hinaus  gibt es eine Vielzahl  von zueinander nicht widerspruchsfreien Presseerklärungen und Interviews.

Vor diesem Hintergrund erscheint es  schon einigermaßen kühn, von einem designierten Rektor einer Pädagogischen Hochschule die Einhaltung eines schulpolitischen Kurses zu verlangen, eines Kurses, den es in Wahrheit gar nicht gibt.  Schlimmer noch: Durch die nahezu zeitgleiche personelle Entscheidung über das Rektorat der Pädagogischen Hochschule in Wien setzt sich die Ministerin dem Verdacht aus, es ginge ihr darum, die Hochschulen vor dem  Einfluss durch  Personen aus der universitären Lehrerbildung – seien sie noch so qualifiziert – frei zu halten.

Es gibt nicht einmal den Versuch, den Rahmen für eine Kooperation zwischen universitärer und hochschulischer Lehrerbildung abzustecken

Vorwerfen muss man der Ministerin, dass sie die oftmals beschworene Kooperation zwischen den Institutionen konkret weder als Konzept und noch weniger in der Realität ernsthaft betrieben hat, und zwar weder institutionell noch strukturell, personell oder  inhaltlich. Was es gibt, das sind zarte Pflänzchen örtlicher Selbstinitiativen, die aber gerade durch die aktuelle Zuspitzung des Konflikts zwischen den universitären und hochschulischen Institutionen schwer geschädigt werden.

Die Vision einer universitären Lehrerbildung ist kein ÖVP-Modell

Echte Kooperation hat selbstverständlich immer institutionelle Konsequenzen. Kann man sich  ernsthaft einer Diskussion über mittel- und langfristige Ziele darüber verweigern und sie anderen verbieten? Die Ministerin ist daran zu erinnern, dass eine vom sozialdemokratischen Parlamentsklub  beauftragte Arbeitsgruppe „Aus- und Weiterbildung der Pädagogischen Berufe“  2010 zum Ergebnis kam:

„Die Fakultät für LehrerInnenbildung leitet ein/e eigener Vizerektor/eine Vizerektorin. In einer Übergangsphase gibt es eine duale Führung aus den bisherigen RektorInnen der Pädagogischen Hochschulen und einem Vizerektor/in der Universität. Sie wird aus den derzeitigen Pädagogischen Hochschulen und den Instituten für LehrerInnenbildung (o.ä.) der Universitäten gebildet.  Damit sollen alle wertvollen personellen und materiellen Ressourcen gesichert und die vorhandenen Expertisen in Fragen der Lehreraus- und – weiterbildung genutzt werden, andererseits aber auch eine infinite institutionelle Parallelführung von Einrichtungen der Lehrerbildung mit allen bekannten negativen Konsequenzen vermieden werden.“

Die Entwicklungsdefizite im Bereich der Pädagogischen Hochschulen sind groß

Univ. Prof. Dr. Auer stellt in einer bemerkenswert klaren und ausgewogenen Analyse (Presse v. 23.7.2012) u. a. fest „Die Pädagogischen Hochschulen haben in den ersten sechs Jahren ihres Bestehens die Möglichkeiten der Qualitätssteigerung zu wenig genützt“. Hinzuzufügen ist dem lediglich, was schon das Akademiestudiengesetz 1999 verlangte:

Der Bund wird innerhalb von acht Jahren hochschulische Einrichtungen für die Ausbildung

der Pflichtschullehrer (“Hochschule für pädagogische Berufe”) schaffen. …. Die erforderlichen

organisations- und studienrechtlichen Regelungen an diesen hochschulischen Einrichtungen sind

entsprechend den für Hochschulen oder Universitäten üblichen Standards auszuführen … Das Zusammenwirken von Forschung und Lehre ist sicherzustellen. … Im Falle der Einführung eines dreigliedrigen

Studiensystems an Universitäten ist darauf zu achten, dass die Studienabschlüsse mit diesem

System kompatible akademische Grade sind.

Leider sind diese Forderungen – 12 Jahre später - eine ziemlich präzise Aufzählung dessen, was seither nicht passiert ist. Wenn der  Ministerin diese Faktenlage bekannt ist und sie daraus den merkwürdigen Schluss zieht, eine umfassende  Lehrerbildungsentwicklung wäre nicht opportun und zugunsten eines  ungestörten Entwicklungsprozesses  für die Pädagogischen Hochschulen zurückzustellen, dann sollte sie dies sagen und wohl auch verantworten. Wenn sie es nicht tut, setzt sie sich dem Verdacht aus, es gehe gar nicht um eine langfristige Perspektive, sondern lediglich um einen kleinlichen Kompetenzstreit zwischen den beiden Ministerien.

Was ist mit der Bologna-Struktur bei den universitären Lehramtsstudien?

Was die vom Gesetzgeber 1999 (siehe oben) geforderte Kompatibilität der Studienabschlüsse  betrifft, so kann die aktuelle Situation nur als Zustand  völliger Unklarheit beschrieben werden. Die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Bologna-Struktur bei den universitären Lehramtsstudien sind nach wie vor nicht gegeben, wenngleich dies   im Regierungsprogramm ausdrücklich vorgesehen ist. Von inhaltlichen Ausarbeitungen im universitären Bereich (Studienpläne für Bachelor- bzw. Masterabschlüsse) ist nichts bekannt.  Dafür doktert man im Hochschulbereich an fragwürdigen Konzepten für Masterstudien herum, für die im Hochschulgesetz 2005 die gesetzliche Grundlage fehlt, und für die man daher  eine Schmalspurvariante außerhalb der Studiengänge wählen muss (z.B. Master für kollegiales Lehren und Lernen), die mit großer Wahrscheinlichkeit  nicht mit den universitären Abschlüssen kompatibel sind.

Aber vielleicht besteht doch noch Hoffnung für eine – wie ursprünglich angekündigt – umfassende Lehrerbildung. Mitte November 2012 ist im Wege des österreichischen Wissenschaftsrates ein Tagung zur „Zukunft der Lehrerbildung“ geplant, die von den Ministerin Schmied und Töchterle eröffnet wird  und an der namhafte Experten der Lehrerbildung (u. a. Prof. Ilse Schrittesser) beteiligt sind.