Gesamtschulversuche in Modellregionen – seriös oder nur kurios?

von Klaus Satzke

Gesamtschulversuche in Modell-regionen – seriös oder nur kurios?

Die an Kuriositäten nicht eben arme Bildungspolitik dieses Landes ist durch die von den Landeshauptmännern Platter und Wallner entfachte Gesamtschuldiskussion um einige Facetten bereichert worden.
Bemerkenswert ist zunächst einmal der Zeitpunkt der Debatte unmittelbar nach Abschluss der Verhandlungen um ein Regierungsprogramm. Dort war man ganz offensichtlich bemüht, das Thema einer Reform des Mittelstufenbereiches weitgehend auszuklammern.
Ein Regierungsprogramm, dem zu dieser Problematik nichts einfällt, ist ein schwaches Programm. Eltern wollen heute Lösungen für ihre Kinder und nicht erst übermorgen für die Generation ihrer Enkelkinder. Die neue Mittelschule, eingeschränkt auf eine Hauptschulreform, ändert an den bestehenden Problemen nicht wirklich etwas und der Ausbau der ganztätigen Schulformen nur sehr wenig.
Zu wenig war es offenbar auch den LHs aus Tirol und Vorarlberg. Der sachliche Grund dafür ist leicht erkennbar. Die Hauptschule im ländlichen Raum kann gerade den begabten Schülern auf der Sekundarstufe I keinen Gymnasialabschluss bieten und macht als Alternative lange Schulfahrten oder eine Unterbringung in Schülerheimen notwendig.
Es kann daher nicht überraschen, dass Platter und Wallner, die mit der Situation der Hauptschule im ländlichen Raum konfrontiert sind, nach Antworten - nicht zuletzt auch unter dem Druck der NEOS - verlangen.
Dass allerdings ihr Ansinnen nach Gesamtschulversuchen in Modellregionen vom Parteiobmann der ÖVP ausgerechnet mit dem Verweis auf das mit der SPÖ ausverhandelte Regierungsprogramm (sowie das Christkind) abgelehnt wurde, das ist im Rahmen der eingangs erwähnten Kuriositäten ein kleine Kotbarkeit. Ein mit der österreichischen Bildungspolitik nicht im Detail Vertrauter könnte den Eindruck gewinnen, dass die SPÖ die Gesamtschule verhindert und die ÖVP zähneknirschend im Interesse des Staatsganzen nachgegeben hat.
Warum der Landeshauptmann und Bürgermeister der Stadt Wien zur Schulsituation der Mittelstufe schweigt, ist bemerkenswert. Es kann aber nicht nur an den gänzlich anderen Gegebenheiten im großstädtischen Bereich liegen. Fest steht, dass in Wien die breite Mittelschicht die Hauptschule wegen hoher Migrantenanteile und Schülern aus sozial deprivierten Verhältnissen massiv vermeidet, was nicht ohne Folgen für die Schulqualität an den Rest-Hauptschulen bleibt.
Kurios ist aber auch die Tatsache, dass im Rahmen der Diskussion über Gesamtschulversuche die erst kürzlich, nämlich 2012 neu geschaffenen gesetzlichen Schulversuchsregelungen keine Beachtung finden. Wissen unsere Bildungspolitiker nicht, was sie damals beschlossen haben?

Im § 7a des Schulorganisationgesetzes heißt es „An allgemein bildenden höheren Schulen können zur Verschiebung der Bildungslaufbahnentscheidung Modellversuche zur Weiterentwicklung der Sekundarstufe I im Sinne der §§ 21a bis c geführt werden.“ Logische Konsequenz einer AHS ohne Zugangsbeschränkung ist, dass im Verbund mit den umliegenden Hauptschul - bzw. Mittelschulstandorten eine Art von Modellregion entsteht, die Gesamtschulcharakter hat. Und die genannten Paragraphen 21a bis c verweisen ja auch ausdrücklich auf den Zusammenhang mit der neuen Mittelschule.
Natürlich ist dieser § 7a auch wieder einmal ein typischer Pallawatsch, der einerseits vorgibt, der „Weiterentwicklung der Sekundarstufe“ zu dienen, andrerseits aber alle möglichen Fallstricke enthält, die Schulversuche auf breiterer Basis verhindern sollen (Zustimmungsmodalitäten, Erhalt einer traditionellen AHS im politischen Bezirk etc.). Dennoch: Wenn man nur will, kann man auf dieser Basis Gesamtschulversuche erproben, auch wenn man für echte Modellregionen wahrscheinlich eine gesetzliche Erweiterung benötigt.
Bleibt immer noch offen, was man sich eigentlich bei der Abfassung dieses Paragraphen wirklich gedacht hat. Handelt es sich um schlecht durchdacht Absichten oder um absichtsvolle Verhinderung? Das ist hier die Frage! Wie immer die Antwort lautet, sie wirft kein gutes Licht auf unsere Bildungspolitik!