Klaus Satzke / Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte
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Wachsende Qualitätsunterschiede innerhalb und zwischen den Schularten und die Dynamik der Schülerstromentwicklung zeigen, dass die im Schulorganisationsgesetz enthaltene Schulartengliederung inkl. der Übertrittsbestimmungen nur mehr wenig mit der Realität zu tun haben.
In dieser Situation ist die ÖVP zunehmend auch in den eigenen Reihen mit der Frage konfrontiert, ob die Art des Schulwechsels von der Volksschule in die Mittelstufe mit ihrem irrwitzigen Notenstress und der hektischen Suche nach „der besseren Schule für mein Kind“ auch nur ansatzweise positiv mit der propagierten Wahlentscheidung innerhalb eines differenzierten Schulsystems korreliert.
Die SPÖ wiederum ist zunehmend mit der Erkenntnis konfrontiert, dass eine - ohnehin nur halbherzig ins Auge gefasste - Entwicklung in Richtung Gesamtschule leichter angekündigt als umgesetzt (und sei es auch nur in Schulversuchen) ist, weil man die gewachsenen Qualitätsunterschiede innerhalb und zwischen den Schulen nicht über Nacht ausgleichen kann. Ohne glaubwürdige Qualitätsstandards bei allen Schulen im Bereich der Mittelstufe und ohne glaubwürdige Konzepte zur Individualisierung und Differenzierung kann es keine gemeinsame Schule geben.
Es geht also um Beides – um schrittweise Strukturveränderungen und eine zügige Qualitätsverbesserung. Es ist schon merkwürdig, dass von der Aufgabe der Qualitätsentwicklung relativ wenig zu hören ist, obwohl das an sich schwächliche Kapitel Bildung im Regierungsübereinkommen eigene Abschnitte der „Qualitätssicherung an Schulen“ und der „Modernisierung von Schulverwaltung und Schulmanagement“ widmet. Im folgenden einige Anregungen für eine vielleicht doch noch aufkeimende Diskussion:
- Qualitätsentwicklung hat etwas mit materiellen und personellen Investitionen zu tun, aber nicht ausschließlich und auch nicht prioritär. Die Absenkung der durchschnittlichen Klassenschülerzahl auf 25 ist ein Musterbeispiel dafür, wie eine Diskussion über zweifellos auch wichtige Organisationsaspekte völlig überdeckt, wie denn die erwartete Qualitätsverbesserung tatsächlich erzielt werden kann. Sicher ist: Es gibt keinen Automatismus, dass der Unterricht in kleineren Klassen besser wird, sondern es gibt nur verbesserte Chancen.
- Qualitätsentwicklung bedarf eines gewissermaßen „maßgeschneiderten Konzepts der Individualisierung und Differenzierung“, das auf die Bedürfnisse, Probleme und Chancen der Standortgegebenheiten abgestimmt ist, das Gegenstand laufender Reflexion sein muss und laufend adaptiert werden kann.
- Qualitätsentwicklung hat etwas mit Qualitätsmanagement zu tun. Schulen und die dort arbeitenden Lehrerteams brauchen Rückmeldungen über ihre Erfolge und Misserfolge, sie benötigen Hilfe bei der Ursachenanalyse und bei der Entwicklung von Gegenstrategien.
- Qualitätsentwicklung hat etwas mit Unterrichtsmaterialien und Medieneinsatz zu tun. Individualisierung und Differenzierung beruhen auf der Annahme, dass sich LehrerInnen auch einzelnen Schülen und Schülergruppen widmen können. Wo stehen wir heute mit der in den 70er Jahren begonnen Entwicklung zum Arbeitsbuch und Arbeitsblatt. Welche Neupositionierungen sind erforderlich und welche Rolle spielen dabei geeignete Medien? Zu diesen Fragen gibt es neue Erkenntnisse und neue Konzepte – wo und wie werden sie aufgearbeitet und umgesetzt?
- Qualitätsentwicklung hat etwas mit Fortbildung und Ausbildung der Lehrer zu tun. Wir wissen, das der Lehrerberuf einer jener Berufe ist, bei dem eine Reihe von zentralen Qualifikationen in der Ausbildung nur grundgelegt werden kann, als Kompetenz aber erst berufsbegleitend angeeignet werden kann. Eine systematische und berufsintegrierte Weiterbildung ist eine logische Konsequenz, der sich die Bildungspolitik unerklärlicherweise nicht stellt.
- Qualitätsentwicklung hat etwas mit Forschung und permanenter Aufarbeitung von unterrichtswissenschaftlichen Erkenntnissen auf nationaler und internationaler Ebene zu tun. Zu fragen ist, wo und wie diese Aufgabe wahrgenommen wird und ob sie auf mehr als nur auf dem Engagement von Einzelpersonen beruht.
- Qualitätsentwicklung bedarf einer regelmäßigen Datenerfassung (Qualitätsindizes), deren Ergebnisse allgemein zugänglich sein müssten und die in einem mindestens 2jährigen Rhythmus zu analysieren und zu publizieren wären.
- Qualitätsentwicklung im Mittelstufenbereich bedarf auch des korrigierenden Elements der freien Schulwahl, das Schwächen und Stärken aufdeckt und eine Dynamik der Qualitätsentwicklung im Rahmen der „gemeinsamen Schule der Vielfalt“ schafft.
Man mag sich fragen, ob Schulversuche nach allen zurückliegenden problematischen Erfahrungen heute noch als Instrument der Schulentwicklung anzusehen sind. Sie sind dann positiv zu bewerten, wenn sie nicht Entscheidungen auf den Sankt Nimmerleinstag aufschieben, sondern gleichzeitig dringende Maßnahmen der Schulentwicklung zum Gegenstand einer Entwicklungsstrategie für heute und morgen machen. Denn: Wer zu spät kommt, den straft die Geschichte!