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Klaus Satzke / Schulversuche in Österreich: Weichen stellen oder Fallen stellen?

von Klaus Satzke
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Die bildungspolitische Auseinandersetzung über Fragen des österreichischen Bildungssystems hat zweifellos tragikomische Züge. Auf der Strecke bleibt dabei jener Mindestkonsens über Wahrheiten und Notwendigkeiten, der für eine gemeinsame Reformstrategie notwendig wäre. Ein typisches Beispiel ist die Umleitung des Konzeptes der Modellregionen in einen Schulversuch.
Vorweg: Schulversuche sind in Österreich ein vielfach missbrauchtes wissenschaftliches Instrumentarium! Es soll damit der Anschein erweckt werden, dass an einer Reform des Systems gearbeitet wird. In Wahrheit steht dahinter die Nicht - Einigung der maßgeblichen Parteien über entsprechende gesetzliche Maßnahmen. Die aufschiebende Wirkung von Schulversuchen erspart den Reformbetreibern die Niederlage, den Reformgegnern das Eingeständnis ihrer Verhinderungsstrategie. Auf der Strecke bleibt dabei die notwendige Weiterentwicklung des Schulsystems. Dazu aus gegebenem Anlass einige Thesen und etliche Schlussfolgerungen

These 1: Komplexe Systeme bedürfen in einer dynamischen Gesellschaft immer wieder der Nachjustierung und dann und wann auch einer größeren Umbauphase.
Was beispielsweise in der Wirtschaftspolitik unbestritten ist (z. B. Steuerreform, Budgetsanierungen), das ist in der Bildungspolitik Gegenstand eines Dauerstreites mit Blockaden, die nun schon seit Jahrzehnten jede größere Systemadaptation verhindern.

These 2: Schulversuche werden in der Schulentwicklung seit 1945 permanent dazu benützt, keine Entscheidungen zu treffen. Die Schulversuche zur Gesamtschule wurden in Österreich mehr als 10 Jahre lang durchgeführt und minutiös ausgewertet. Obwohl die Seriosität der wissenschaftlichen Auswertung international anerkannt war, wissen alle Zeitzeugen, dass die Untersuchungsergebnisse bei den schulpolitischen Entscheidungen 1982 keinerlei Rolle gespielt haben. Das Ergebnis war die Hauptschulreform, die die wesentlichen Fragen unbeantwortet ließ und in das aktuelle Reformdilemma mündete.

These 3: Das Vermeiden jeglicher Systemreform ist in der Ära Gehrer kulminiert. Selbst kleinere Adaptierungen wurden vermieden und wenn überhaupt, dann tendenziell eher noch die Probleme verschärfende Maßnahmen (siehe die „Regelungen" zum Schulübertritt von der Grundschule in die AHS) gesetzt. Das hat zu der einmaligen Situation geführt, dass es heute in Österreich eine breite Allianz von Meinungsbildern gibt, die klar und eindeutig die Notwendigkeit von Reform im Schulsystem betonen.

These 4: Die derzeitige Koalitionsregierung hat sich im Kapitel „Bildung" ein Arbeitsprogramm zurechtgezimmert, das man nur als mangelhaft bezeichnen kann. Auf der Grundlage dieser Vereinbarung lässt sich nahezu alles verhindern, was den Titel Reform beansprucht.

These 5: Die Diskussion über ein „Perspektivenpapier" der ÖVP hat gezeigt, dass viele Mitglieder oder der ÖVP nahe stehende Personen deutlich mehr Reformbedarf sehen, als im Koalitionspapier verankert ist. Das gab Hoffnung, dass man sich über den einen oder anderen Schritt einigen könnte, auch wenn das nicht im Koalitionspapier steht. Diese Hoffnungen trägt derzeit der Bildungssprecher der ÖVP zu Grabe.

Schlussfolgerungen:

 Der perfide Missbrauch von Schulversuchen zur Verschleierung „Nicht - handeln - wollen" bzw. „Nicht durchsetzen können" sollte endlich beendet werden.

 Wenn Modelle / Konzepte erprobt werden sollen, dann muss klar sein, was die Ziele sind und wie deren Erreichung / Nicht - Erreichung beobachtet / bewertet / gemessen werden soll.

 Wenn es eine wissenschaftliche Auswertung von Schulversuchen geben soll (und das ist das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit), dann muss es auch ein eindeutiges Bekenntnis der Bildungspolitik geben, sich mit den Ergebnissen in einer seriösen, ehrlichen Form auseinander zu setzen.

 Wenn man sich dazu bekennt, dass mittels Schulversuche Systemfragen (d. h. Systemvarianten) untersucht werden soll, dann muss man sich auch dazu bekennen, dass alle im System relevanten Schularten miterfasst werden. Um es klar auszusprechend: Schulersuche ohne Beteiligung der AHS hatten wir schon! Schulversuche ohne AHS können keine wirklich neuen Erkenntnisse bringen und nähren den Verdacht, dass die Nicht - Beteiligung nur die verdeckte Ablehnung jeglicher Reformperspektive darstellt.

 Die Zustimmung zu einem Schulversuch von 2/3 der Schulpartner an einer Schule klingt scheinbar plausibel. Wenn es aber um das Erproben von Systemalternativen geht, dann kann nicht die einzelne Schule Kooperationschancen der Region verhindern. Regionale Modelle benötigen daher eine mehrheitliche Zustimmung auf regionaler Ebene, aber keine 2/3 - Mehrheit an jeder einzelnen Schule.

 Strukturfragen sind immer auch Qualitätsfragen. Es geht im Schulwesen daher immer auch um guten Unterricht und um die Vision von noch besserem Unterricht. Schulversuche können daher die Fragen der Ausbildung und Fortbildung von Lehrern nicht ausklammern.

 Schulversuche sind keine Laborversuche. Sie finden nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und das Warten auf Ergebnisse kann nicht Stillstand im übrigen Schulwesen bedeuten. Schulversuche bedürfen der öffentlichen Diskussion, sie können und müssen im Verlauf modifizierbar sein und die Verantwortlichkeit der Schulpolitik für das Gesamtsystem kann durch Schulversuche nicht relativiert werden.

Ist es zuviel verlangt, für den Fall einer schulpolitischen Einigung über Schulversuche auch eine Einigung über derartige Grundsätze zu erhoffen?