Klaus Satzke / Das österreichische Schulwesen benötigt ein Konzept der systematischen Schulentwicklung
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Wäre es denkbar, dass sich in der heutigen Zeit ein erfolgreiches Unternehmen, nehmen wir beispielsweise die VA Tech, im Fall einer Betriebsausweitung, der Planung einer neuen Produktionssparte oder des Umbaues von veralteten Strukturen auf eine Konstruktion wie einen „Betriebsversuch" einlässt? Sicher nicht: Man wird Ziele definieren, erforderliche Entwicklungsprozesse simulieren, notwendige Ressourcen kalkulieren, man wird vielleicht das Management erneuern, neue Kommunikationsstrukturen aufbauen, die Entwicklungsfähigkeit der personellen Ressourcen bestimmten, finanzielle Ressourcen verlagern oder neue Ressourcen requirieren. Selbstverständlich wird man die Ergebnisse von Research & Development in wichtigen Teilbereichen heranziehen, aber die Erprobung des Gesamtprojektes im Labor ist aus Gründen der Komplexität schlichtweg unrealistisch.
Wenn sich ein Vorhaben als notwendig erweist, dann wird man bei Planung und Durchführung die Erfahrungen der Mitarbeiter einbeziehen, aber die Grundsatzentscheidung kann nicht vor Ort durch jede einzelne Betriebseinheit in Frage gestellt werden. Letzteres wird aber mit Bezug auf erforderliche 2/3 Mehrheiten für das Schulwesen verlangt. Gerade er müsste wissen, welcher Eigendynamik unsere schulpartnerschaftlichen Gremien vor Ort besitzen, handelt es sich doch immer um eine Partnerschaft von mehr oder weniger abhängigen Eltern und Schülern mit „ihren" Lehrern. Das wendet sich nicht grundsätzlich gegen unsere Schulpartnerschaftsgremien, aber die Keimzelle der schulischen Demokratie sieht wohl anders aus. Die Diskussion sollte jedenfalls Anlass sein, Fragen der Weiterentwicklung von demokratischen Mitwirkungs- und Mitbestimmungsmodellen neu und durchaus offensiv zu diskutieren.
Wie auch immer im Detail argumentiert wird, bei der seit Jahrzehnten anstehenden Reform des österreichischen Schulwesens ist die Chefetage am Zug. Sie muss beweisen, ob sie handlungsfähig ist und in der Lage, eine mehrjährige Schulentwicklungsstrategie zu konzipieren.
Der von Ministerin Schmied ausgesendete Gesetzesentwurf kann als der Versuch verstanden werden, dem Rechnung zu tragen und im Rahmen von Modellregionen eine derartige Strategie der Schulentwicklung zu verwirklichen.
Kritische Hinweise sind allerdings aus 2 Gründen erforderlich:
1. Der Gesetzesentwurf des Unterrichtsressorts soll - völlig logisch und korrekt - Rahmenbedingungen für eine Verlagerung der Schulbahnentscheidungen um 2 bis 4 Jahre schaffen. Dazu bedarf es ergänzend einer Klärung der Übertrittsbedingungen in den Bereich der höheren Schulen der Sekundarstufe II. Viel mehr steht auch nicht im Gesetz und das ist für ein Rahmenmodell auch ausreichend. Warum dieser Rahmen aber durchgängig bereits als Neue Mittelschule bezeichnet wird, das ist schwer erklärbar. Das provoziert eine Gesamtschuldiskussion ohne Kenntnis der Inhalte und Detailstrukturen, also mit allen Vorurteilen, die in den Köpfen - nicht nur der ÖVP - Mandatare - ohnehin noch vorhanden sind. Gewiss: Die Überlegung war und ist, dass die inhaltliche Ausformung durch die beantragenden Landesschulräte erfolgt bzw. durch die Expertenkommission. Die Landesschulräte schauen sich aber den Polit - Streit aus der Loge an und tun so (siehe Wien), als ob sie das Ganze nichts anginge. Der Vorsitzende der Expertenkommission gibt glaubwürdig sein grundsätzliches Ja zur Gesamtschule zum Besten, aber Konkreteres ist aus der Kommission (sieht man von Stichwort-Katalogen für die Planung der Modellregionen einmal ab) nicht zu hören. Wunderbar für die AHS - Lehrergewerkschaft, die den Popanz der Gesamtschule nur in aller Ruhe auszuschmücken braucht.
2. Es bedarf aber einer grundsätzlichen Klärung, dass das Projekt einer neuen Mittelschule nicht einfach eine Organisationsreform darstellt, sondern dass es um die Verknüpfung von Organisationsreform mit neuen Inhalten, Methoden und Rahmenbedingungen geht. Am Ende des Tages geht es um besseren Unterricht, erfolgreichere Schülerinnen und Schüler, bessere Leistungen im internationalen Vergleich, weniger soziale Bedingtheit des Schulerfolges, weniger Dropouts, weniger Repetenten, weniger Nachhilfeunterricht etc etc. Es ist eine Schwäche des Gesetzesentwurfes, dass das nirgendwo steht oder wenigstens in seinem Umfeld durch Ideen und Konzepte konkretisiert wird.
Es kann daher nicht überraschen, wenn die aktuelle Schuldebatte leider dadurch gekennzeichnet ist, dass es nicht um einen Masterplan für eine Schulreform der Mittelstufe geht, sondern lediglich um das eher dümmliche Hickhack bzw. Pro und Kontra zur Gesamtschule
Elemente einer Schulentwicklungsstrategie für den Mittelstufenbereich
Zumindest andeutungsweise sollen nachfolgend einige Stichworte für die aus unserer Sicht vergessene Schulentwicklungsstrategie geliefert werden:
Eine Reform der Mittelstufe bedarf (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
- einer Reform der Lehrbildung im hochschulischen und universitären Bereich (Stichwort: gemeinsame Lehrerbildung),
- einer pflichtigen, berufsintegrierten Lehrerfortbildung (Stichwort: berufsbegleitende Weiterbildung),
- eines Ausbaus der Schulautonomie inkl. teambildender Maßnahmen (Stichwort: kollegiale Verantwortlichkeit),
- der Berücksichtigung von Bildungsstandards an allen Schulen der Mittelstufe inkl. deren Überprüfung (Stichwort: Sicherung von Grundqualifikationen an allen Schulen)
- neuer Formen der Stützung und Beratung insb. von Problemschulen (Stichwort: Qualitätsmanagement),
- einer freie Schulwahlmöglichkeit innerhalb von Bildungsregionen,
- demokratiepolitischer Maßnahmen innerhalb von Bildungsregionen (Stichwort: neue demokratische Kollegialorgane),
- einer Erfassung, Darstellung und „Zur Verfügung - Stellung" der gesicherten Erkenntnisse über „guten Unterricht" im Hinblick auf Individualisierung und Differenzierung,
- klarer Zielstellungen für überschaubare Zeiträume (z.B. Abbau des Nachhilfeunterrichtes, Verbesserungen im Bereich der Grundqualifikationen von Migranten),
- klarere schulrechtlicher Grundlagen (einer klaren Definition der Mittelstufe im SchOG).
Verständlich ist die realpolitische Sorge, dass man sich bei Vorlage des Gesetzentwurfes über die Modellregionen durch Präsentation eines umfassenden Schulentwicklungsprogramms im Detail verheddert. Schlimmer erscheint aus derzeitiger Sicht allerdings eine Diskussion über eine Gesamtschulreform, die fast ausschließlich von Vorurteilen und gezielten Verunsicherungen genährt wird. Man kann annehmen, dass die österreichische Öffentlichkeiten wesentlich weniger an einer Gesamtschuldebatte als einer Reformstrategie über die Mittelstufe interessiert ist. Zieht man in Betracht, dass es in der Öffentlichkeit noch kaum jemals ein so hohes Bewusstsein für die Notwendigkeit von Schulreform gegeben hat wie derzeit und dass die öffentliche Kommentierung von Fragen der Schulreform (z. B. durch die Bildungsjournalisten) auf einem bisher nie gekannten Niveau der hohen Sachkundigkeit stattfindet, dann kann man die parallel dazu auf schulpolitischer Ebene laufende Diskussion nur als eine einzige große Peinlichkeit empfinden.