Klaus Satzke / Schulqualität und Hoffnungen an ein neues Jahr der Bildungspolitik
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Wenn man die Zeichen richtig deutet, dann bahnt sich in der Bildungspolitik bzw. Schulentwicklung ein weiterer wichtiger Schwerpunkt an: Schul- und Unterrichtsqualität auf der Grundlage von PISA, PIRLS und den Bildungsstandards.
Gut so, denn das bietet die Chance, sich aus dem Dilemma einer Strukturdebatte ohne Inhalte (Gesamtschule ja oder nein, als Meinungsumfrage!) herauszubewegen. Bleibt trotzdem die Frage, wie es zur verkehrten Reihenfolge kommen konnte, die mit dem Gesetzesvorschlag zur Einrichtung neuer Schulversuche begann und der dann erst Monate später die ersten inhaltlichen Erkenntnisse der Expertenkommission folgten und an die sich dann wieder ein Monat später die Verlautbarung der PISA / PIRLS Ergebnisse anschloss. Und dann noch ein Schulgipfel, der erst stattfand, als auch die wenigen gutwilligen ÖVP -Vertreter nicht mehr aus der Neinsager - Ecke heraus konnten, die Schulsprecher Neugebauer so gemütlich eingerichtet hat!
Wie auch immer, letztlich kommt es in der Schule auf die Unterrichtsqualität an, auch wenn diese eng verknüpft ist mit strukturellen Fragen und Fragen der Bildungschancen in der Gesellschaft. Um es nochmals in Erinnerung zu rufen: Die Mängel des bestehenden Systems der Sekundarstufe I liegen im Bereich der Schulleistungen (zu viele Schüler erreichen nicht die Grundqualifikationen nach internationalen Standard), zu viele Schullaufbahnen sind primär durch das Elternhaus bestimmt, zu viele begabte Schüler werden in der „undifferenzierten Gesamt- AHS" nicht ausreichend auf die Berufs- und Uni-Laufbahn vorbereitet).
Aber zurück zur Unterrichtsqualität! PISA und PIRLS geben brauchbare Hinweise auf Defizite und sie ermöglichen auch grobe Analysen über die Hauptursachen für diese Defizite. Ein Moment der Wahrheit ist allerdings dann erreicht, wenn eine einzelne Schule mit den Ergebnissen von Standard - Vergleichen konfrontiert ist. Was sind die standortspezifischen Ursachen für Rückstände? Sind es die mangelnden Lernvoraussetzungen der Schüler, ist es das sozio - ökonomische Umfeld, oder ist es vielleicht die Unterrichtsmethode? Auf diese und viele andere Fragen gibt es zum einen die „Antwort" weiterer tiefergehender wissenschaftlicher Analysen (das ist aber nur zum geringeren Teil realistisch!), oder die Hoffnung, dass der „Druck zum besseren Abschneiden" beim nächsten Test automatisch zur Verbesserung führt (das wäre nur Anpassung an ein Testverfahren!). Und natürlich gibt es die Versprechungen der Vermessungsexperten, die glauben, man könne die Komplexität des Unterrichtsgeschehens wissenschaftlich beherrschen. Empirische Analysen sind für das Schulwesen unverzichtbar, aber die gewünschten „klaren Antworten" auf die drängenden Fragen nach dem Rezept für guten, erfolgreichen Unterricht, die gibt es nicht. Mit anderen Worten: Es gibt nicht eine Antwort, sondern nur das Erproben unterschiedlicher Ansätze, es gibt nicht eine Lösung, sondern nur die schrittweise Annäherung an Lösungen.
- Es gehört zur Professionalität des Lehrberufes, sich eben mit diesen Fragen intensiv auseinander zu setzen; es geht um Reflexion des eigenen Tun, um Aufnehmen von neuen Ideen, um Erproben, um Austausch mit Kollegen ...
- Diese Professionalität kann nicht in 6 Semestern vermittelt werden, sie muss systematisch und konsequent berufsbegleitend erarbeitet und gepflegt werden. Wir benötigen eine berufsintegrierte (und selbstverständlich verpflichtende) Lehrerfortbildung oder - mit anderen Worten - ein zweiphasiges Berufsqualifikationsmodell.
- Bei diesen Aufgaben kann weder der einzelne Lehrer noch das Lehrerteam alleine gelassen werden. Dazu bedarf es professioneller Hilfe und Unterstützung. Hier sei - ausnahmsweise einmal - an das schwache Bildungskapitel im Regierungsprogramm erinnert. Zum Thema „Modernisierung der Schulverwaltung" steht dort viel Vernünftiges. Statt eine Verländerung im Wege einer Verfassungsreform zuzulassen, wäre vielmehr die Frage zu stellen, ob die bestehenden Einrichtungen tatsächlich in der Lage sind, Qualitätsentwicklung konstruktiv zu fördern. Zweifel seien hier deponiert!
- Wir brauchen schul- und unterrichtsbezogene Forschung, die unmittelbar in die Aus- und Fortbildung einfließt. Es ist bekannt, dass an den alten Pädagogischen Akademien und den neuen Pädagogischen Hochschulen Forschung ein nahezu unbestelltes Feld ist. Ohne Zusammenarbeit zwischen Uni und Hochschule wird es nicht gehen. Hier besteht Änderungsbedarf, nicht morgen und übermorgen, sondern heute!
- Schließlich: Man muss nicht unbedingt nach Finnland reisen, um gute Konzepte für einen besseren Unterricht zu finden. Vieles steht schon jetzt in guten Büchern, ist über das Internet zugänglich, ist in vielen Ländern Europas Inhalt von Aus- und Fortbildung. Wird das registriert, wird das aufgearbeitet und verbreitet? Wie steht es in diesem Zusammenhang mit der internationalen Kooperation?
- Schlussbemerkung: Bitte um ein Ende der Polarisierung: hier Strukturreform, dort Reform der Inhalte und Methoden! Wir brauchen beides, und zwar nicht erst, wenn die sehr langsam anlaufenden neuen Schulversuche in 8 Jahren als „Ergebnis" vorliegen und wieder einmal nicht zu Kenntnis genommen werden! Die Polarisierung dieser Thematik ist an sich schon das Symptom für Rückständigkeit, es ist ein Zeichen von Dummheit, die eigentlich verboten gehört!