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Helmut Seel / Eine fragwürdige Erfolg ?

von Helmut Seel
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„Mittelschule" als Bezeichnung der Schultype klingt besser (bis 1983 hießen die höheren Schulen so) und ist im Übrigen zur Charakterisierung der Stellung dieser Schultype im Schulsystem zwischen Grundschule und Oberstufenschule durchaus angemessen. Die vorliegenden Anmeldungen in die Versuchschulen lassen jedenfalls in der Steiermark (vgl. Kleine Zeitung vom 9.3.2008) erkennen, dass an diesen Standorten der Trend zum AHS-Eintritt gestoppt und die Schülerzahlen im Vergleich zum Hauptschulstatus der Schulen erhöht werden konnten.

Wie weit es das pädagogische, didaktische und methodische Angebot dieser Neuen Mittelschule im Vergleich zur Hauptschule ist, das die Eltern bewegt, kann noch nicht beurteilt werden. Die Schulversuchspläne liegen noch nicht im Detail vor. Sie werden sich wohl am Konzept der bereits als Versuchsschulen bestehenden Schulverbünden (z. B. Schulverbund Graz-West) orientieren: Verbesserung der individuellen Lernförderung in den Sprachen und Mathematik durch den Einsatz von zwei Lehrern in den Klassen an Stelle der Leistungsgruppen in der Hauptschule; Zusammenfassung von Unterrichtsfächern in Lernbereichen zur Vermeidung einer frühzeitigen beziehungslosen Fächersystematik; Beschränkung des Lehrerzahl im Fachlehrerteam auf das Notwendigste im Interesse einer einheitlichen pädagogischen Führung; Abschlussmöglichkeit mit dem Zeugnis des Realgymnasiums infolge des AHS-Lehrer-Einsatzes im Zweilehrersystem. Letzteres bedeutet allerdings kaum einen Fortschritt gegenüber der Hauptschule. Auch aus dieser konnten Schülerinnen und Schüler mit gutem Gesamterfolg ohne Prüfung in die nächsthöhere Schulstufe der höheren Schulen eintreten.

Im „Zwischenbericht" der Expertenkommisssion werden auch Veränderungen in der Leistungsbeurteilung empfohlen (z.B. Verzicht auf Ziffernnoten in den ersten drei Klassen), die Abschaffung des Sitzenbleibens (war bereits in der Hauptschule durch Versetzung in den Leistungsgruppen weitgehend abgebaut) sowie Änderungen in der Zeitstruktur (Rhythmisierung des Tagesablaufs, Blockstunden etc.) empfohlen.

Allerdings werden Erinnerungen wach. Wie bei den Schulversuchen mit der Gesamtschule 1971 bis 1983 beteiligen sich kaum allgemeinbildende höhere Schulen mit ihren Unterstufen an den neuen Schulversuchen. Diese AHS-Abstinenz war 1983 der wesentliche Grund für die Verweigerung der Gesamtschule als allgemeine Mittelschule durch die ÖVP. Auch der zu erwartende Erfolg der neuen Schulversuche garantiert daher nicht die Einführung dieser Neuen Mittelschule als allgemeine Mittelschule, in der die Hauptschule und die Unterstufe der AHS aufgehen sollten. Es könnte vielmehr weiterhin beim Nebeneinander von Mittelschule und AHS-Unterstufe für die Zehn- bis Vierzehnjährigen bleiben. Aber vielleicht bleibt die Bezeichnung „Mittelschule" für die neue Pflichtschulform der Sekundarstufe I erhalten. 1983 hat dies die ÖVP noch für die Hauptschule verweigert. Diese Zweigliedrigkeit des Schulsystems auf der Sekundarstufe I würde aber keinen Fortschritt gegenüber dem Staus Quo bedeuten. Vielmehr tritt die Gefahr einer Dreigliedrigkeit auf: das Nebeneinander von AHS-Unterstufe, Mittelschule und Hauptschule wie in Deutschland. Für Österreich würde es allerdings einen Rückfall vor 1983 bedeuten, als der II.Klassenzug der Hauptschule abgeschafft und durch das Leistungsgruppensystem der schulinternen Differenzierung ersetzt wurde.

Solche Schulversuche im Sinne des § 7 a des Schulorganisationsgesetzes helfen wenig, wenn es um die Vereinheitlichung der Sekundarstufe I des Schulsystems geht, welche im Stande wäre, die Bildungschancen der Kinder aus sozial und regional benachteiligten Gruppen der Gesellschaft zu verbessern und verfrühte Schullaufbahnentscheidungen zu vermeiden. Für diese Schulversuche gilt ein falsch verstandenes experimentelles Forschungsdesign mit Versuchs- und Kontrollgruppen. Es wird verlangt, dass neben den Versuchsschulen Vergleichsschulen des traditionellen Schulsystems zur Schulwahl durch die Eltern angeboten werden. Eine sozialwissenschaftlich korrekte Vorgangsweise würde hingegen erfordern, dass die Schülerinnen und Schüler einer Region nach dem Zufallsverfahren auf Versuchs- und Kontrollschulen verteilt werden. Die von der ÖVP geforderte Struktur der Schulversuche hat daher kaum eine wissenschaftliche Aussagekraft. Sie kann eher als Mittel der Behinderung der Schulentwicklung angesehen werden.

Das Konzept der Bundesministerin Dr.Schmied, wie es im zur Begutachtung ausgesandten Entwurf der Einführung der §§ 129, 129a und 129b des Schulorganisationsgesetzes vorgesehen war, hätte die Schulentwicklung besser vorangebracht. Dieses Konzept hat Modellregionen für die Einführung der Neuen Mittelschule vorgesehen, wenngleich auch hier gefordert war, dass „öffentliche Hauptschulen in erforderlicher Zahl und zumutbarer Entfernung zur Modellregion bestehen" sollten. Aber in den Modellregionen hätten die „Schulmodelle zur Individualisierung der Bildungslaufbahnen" doch weitgehend mit den echten Schülerpopulationen erprobt werden können. Eine begleitende formative Evaluierung durch die von der Bundesministerin eingesetzte Expertenkommission hätte den gelungenen Verlauf sichern können. Schülerinnen und Schüler hätten durch das richtige Schulwahlverhalten und den Schulerfolg in den eingeschlagenen Schullaufbahnen den beabsichtigten Effekt der Modellschulen erweisen können. Zufriedene Eltern hätten die Basis für eine Expansion des Schulversuchskonzepts geboten.

Bedauerlich für den Beobachter ist, dass sich die Bundesministerin offensichtlich mit dem ihr von der ÖVP aufgezwungenen System der Schulversuche und dem damit verbundenen Aufschub der Schulreform bis zu deren Ende nach acht Schuljahren zufrieden gibt. Auch die von ihr eingesetzte Expertenkommission schweigt dazu. Der Zulauf zu den Versuchsschulen sollte jedenfalls nicht missverständlich als Garantie eines schulpolitischen Erfolgs bewertet werden. Ohne entsprechende Mitwirkung von AHS-Unterstufen werden sie in Richtung einer gemeinsamen Schule für alle Zehn- bis Vierzehnjährigen nur wenig bewegen.