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Trotz Datenlochstopfung: Bildungsstandards und Schultypenvergleich

von Helmut Seel
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Der Schrecken sitzt offenbar tief. Noch immer scheinen alle Kapazitäten zur Stopfung des Datenloches eingesetzt zu werden und nicht zu inhaltlichen Analysen vorliegender Daten.
Die Ergebnisse der Bildungsstandards-Erhebung der 8. Schulstufe in Englisch wurden zwar zunächst genauso verborgen gehalten wie die in Mathematik am Ende des Schuljahres 2011/12. Einige Befunde sickerten jedoch dieses Mal ebenso durch Datenlöcher wie im vergangenen Jahr. Sie lassen einige Überlegungen zu, welche bei der Interpretation etwaiger Ergebnisse von Bedeutung sein können.

1. Im „Standard“ vom 1.2.2014 findet sich eine Reihung der Ergebnisse nach Bundesländern. Diese Rangreihe bildet im Großen und Ganzen auch den Anteil der in die AHS nach der 4. Schulstufe der Volksschule eintretenden SchülerInnen ab. Die Übertrittsraten hängen von sozialen (Bildungsgrad und Beruf der Eltern) und regionalen (AHS Standorte, Verkehrswege) Voraussetzungen ab.
Überall gilt jedoch, dass die in die AHS übertretenden SchülerInnen diejenigen sind, die in der VS bessere Leistungen erbrachten und von ihren Eltern unterstützt werden.
2. In der „Presse“ vom 1.2.2014 findet sich eine Gegenüberstellung der Bildungsstandards-Werte geordnet nach Schultypen und Bundesländern. Durchschnittswerte werden errechnet. Wieder sind die Befunde in Wien erklärungsbedürftig. Trotz des hohen AHS-Anteils werden in Wiens NMS die besten Ergebnisse erreicht. Es ist zu klären, ob in den Wiener NMS die schulorganisatorischen Strukturen der NMS gemäß SchOG-Gesetz geführt wurden oder nach dem Schulversuch-Modell.
In Wien ist weiters die Hauptschule am deutlichsten die Restschule des Systems mit den schlechtesten Befunden. Ein sinnvoller Vergleich zwischen HS und NMS über Österreich ist daher nur unter Ausschluss der Wiener Verteilung möglich.
Der Durchschnittswert der HS ohne Wien beträgt 488 Punkte (mit Wien 480 Punkte), der Durchschnitt in der NMS ohne Wien ergibt 461 (mit Wien 473). Dies bedeutet: Dort, wo die HS von der Schulorganisation noch eine Tendenz zur Gesamtschule aufweist, schneidet sie in Bezug auf die Schulleistungen deutlich besser ab als die NMS. Dies kann nur durch die unterschiedliche innere Schulorganisation begründet werden. Das System der Leistungsdifferenzierung (3 Niveaus der 3 Leistungsgruppen) der HS führt zu besseren Ergebnissen als die Selektion der Schüler nach den Kriterien der „grundlegenden“ bzw. „gehobenen“ Allgemeinbildung mit Zweilehrersystem.
Da jedoch der Lehrplan der beiden Ausprägungen der „Allgemeinbildung“ nicht präzise definiert wird (quantitativ: Stoffumfang, qualitativ: Fehlertoleranz), bleibt es bei subjektiven Einschätzungen der Lehrer. Für die Beurteilung ist die ständige Beobachtung der individuellen Schülerleistungen und ihre Protokollierung grundlegend, um unterschiedliche Noten argumentieren zu können.
3. Als Erfolg der NMS wird öfters auch gemeldet, dass mehr Schüler den prüfungsfreien Übertritt in die höheren Oberstufenschulen schaffen. Auch dazu eine schulorganisatorische Begründung: In der HS mit drei Leistungsniveaus(Ebenen) berechtigt die Zugehörigkeit zur 1. Leistungsebene oder eine Beurteilung mit „Gut“ auf der mittleren Ebene zum prüfungsfreien Übertritt, in der NMS bestehen nur zwei Leistungsniveauebenen und die Zugehörigkeit zur höheren berechtigt zum Übertritt. Zu diesem Befund gibt es noch keine empirisch abgesicherten Daten. Eine Befragung der Lehrer der BHS, welche in den ersten Stufen dieser Schulen unterrichten, könnte aber sehr aufschlussreich sein.

„Die NMS enttäuschen“ (Presse) und „Mittelschule landet auf HS-Niveau“ (Standard) sind erklärbare Befunde. Sie haben schulorganisatorische Grundlagen, welche durch den personellen Mehraufwand in der NMS nicht wettgemacht werden können.
Bei einer Reform der Mittelstufe des österreichischen Schulsystems hätte man daher von einer Weiterentwicklung der HS ausgehen müssen (zeitlich gestufte Differenzierung, sorgfältige Beachtung der Durchlässigkeit) und Veränderungen evaluierend begleiten müssen. Die bloße Abschaffung der Leistungsgruppendifferenzierung kann nicht die Lösung sein. Es ist die Aufgabe der Mittelstufe des Schulsystems, fördernd und auslesend zu wirken, wobei dem Leistungsaspekt entsprechende Bedeutung zugemessen werden muss. Nur eine allgemeine Hauptschule (Gesamtschule), die auch die Auslesefunktion wahrnimmt, kann die Grundschule von den Selektionsaufgaben entlasten, welche sie auf Grund des Alters der Schüler ohnehin nicht verantwortungsvoll zu leisten im Stande ist. Die Grundschule ist die Förderschule, die Mittelstufenschule ist der Ort, an dem die SchülerInnen auf das differenzierte Ausbildungssystem (Lehre, BMS, BHS, AHS) der Oberstufe vorzubereiten sind.