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Die Hattie-Studie: ein Rezept für Lernerfolg?

von Robert Hinteregger
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Im Anschluss an die durchwachsenen Ergebnisse der letzten PISA-Studie konstatierte der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher unlängst in einem Gastkommentar im „Standard“, es habe sich in den Klassenzimmern zu wenig verändert: in der Schule sei zu wenig weitergegangen, und es fehlten Lehr-und Lernformen, die nicht defizitär angelegt, sondern auf den einzelnen Schüler zugeschnitten sind.

1. Guter Unterricht: Forschungsergebnisse und praktische Erfahrungen

Die umfangreichen Kriterienkataloge für guten Unterricht listen ziemlich übereinstimmend zahlreiche Merkmale auf, die von der unverzichtbaren Schülerorientierung über eine klare Strukturierung der Lehr- und Lernprozesse, Methodenvielfalt und den aktiven Umgang mit den Themen bis zum individuellen Fördern und klaren Leistungserwartungen und –kontrollen reichen.

Im schulischen Alltag droht jedoch die Gefahr, dass diese bildungswissenschaftlich akzeptierten umfassenden Zielvorgaben angesichts gestiegener pädagogischer Herausforderungen zu Leerformeln verkommen, die im praktischen Handeln keine rechte Bedeutung haben.

Der Schweizer Gewerkschafter Anton Strittmatter geht daher aus dem Blickwinkel der pädagogischen Praxis an die Sache heran, indem er sich schon vor längerer Zeit gegen den „pädagogischen Kitsch“ gewandt und in diesem Zusammenhang ein „Manifest der pädagogischen Bescheidenheit“ gefordert hat:

  • Die allerwichtigste Voraussetzung seien Sinngebung und Zielklarheit, denn Schüler lernten nicht gut, wenn sie die Hälfte ihrer Energie darauf verwenden müssten, herauszufinden, was die Lehrer/innen eigentlich von ihnen wollen.
  • Wichtig ist aus seiner Perspektive außerdem der aktive Umgang mit den Themen: Schüler sollten die Lernfelder aktiv erarbeiten können: forschend, ausprobierend, übend, kritisch und spielerisch hinterfragend. Langeweile sei der größte Lernkiller, und sie gehöre zu den pädagogischen Hauptsünden.
  • In der Schule komme nur das rüber, woran Lehrer/innen selber glaubten, und es sei ihre laufende Aufgabe als Lehrer/in, sich den Stoff so zu erarbeiten, dass er zu ihrem Stoff werde.
  • Voraussetzung für ein positives und produktives Schulklima sei unbedingte Wertschätzung: pädagogischer Eros wäre wohl zu hoch gegriffen, verlangt werden könne aber unbedingte Achtung im Sinne des Respekts und der Integrität der anderen Person.

2. Die Hattie-Studie

Im Zusammenhang mit dieser viel diskutierten Unterrichtsqualität lohnt es sich, einen Blick auf die materialreiche Studie des Bildungsforschers John Hattie zu werfen.

Der Neuseeländer John Hattie ist einer der meist diskutierten Bildungswissenschafter der Welt, seit er sich in seiner aufsehenerregenden Studie „Visible Learning“, die als Metaanalyse auf 50.000 Studien zurückgreift, mit den messbaren Einflussfaktoren auf den Lernerfolg befasst hat.

Diese Analyse enthält einige überraschende Befunde, die punktweise aufgelistet werden sollten:

  • Für Hattie steht außer Zweifel, dass ein erfolgreicher Unterricht einschließt, dass die Lehrperson im Zentrum des Geschehens steht und die Lernprozesse initiiert und situiert. Ganz allgemein gesprochen sorgen die Lehrenden für eine effektive und störungsarme Klassenführung, für ein anregungsreiches Lernklima und für aktivierende Lernaufträge.
  • Gänzlich überraschend sind daher der festgestellte geringe Effekt der Lehrerausbildung an den Hochschulen und die Auswirkung des Fachwissens der Lehrpersonen auf den Lernerfolg.
  • Ferner fällt das geringe Effektmaß von Hausübungen auf, die aus dem Blickwinkel der Metaanalyse nicht per se wirksam sind, sondern eine sorgfältige didaktische Einbettung verlangen.
  • Einen überraschenden Befund stellt auch der Zusammenhang zwischen Schulgröße und Leistungsintensität dar, der auf einen guten Lernerfolg bei mittelgroßen Schulen hinweist.
  • Schließlich bildet die systematische Elternarbeit eine einflussreiche Komponente, die sich vor allem bei bildungsfernen Eltern nur mühsam inszenieren lässt.
  • Die tatsächlich genutzte Unterrichtszeit schließlich, die Schülerinnen und Schüler mit ihrem Lehrer verbringen, scheint weniger effektiv für den Lernertrag zu sein als bisher allgemein angenommen.

 3. Synthese

Diese Ergebnisse der umfangreichen Studie John Hatties sollten dazu führen, festgefügte pädagogische Prioritäten zu relativieren und Kontroversen zuzuspitzen.

Lehrerausbildung. Mythos Fachkompetenz ?

Aus Hatties Perspektive sollten die folgenden Schwerpunkte der Lehrerausbildung eine einseitige Fachorientierung ablösen:

Es braucht aus seiner Perspektive mehr Veranstaltungen, bei denen die Studierenden neue Methoden und kooperative Lernformen praktisch anwenden und erfahren können. Das anvisierte Methodenrepertoire müsse alltagstauglich sein.

Ein weiterer Grundsatz einer innovativen Lehrerausbildung sei die verstärkte Problemorientierung des Studiums, angefangen bei erzieherischen Problemen bis zu persönlichen Problemlagen einzelner Kinder oder zu Herausforderungen der persönlichen Unterrichtsplanung und -vorbereitung.

Die skizzierte Ausbildung zielt aber nicht nur auf unterrichtspraktisches Handlungs- und Problemlösungswissen, sondern auch darauf, Theorien zu konsultieren und theoretische Reflexionen anzustellen.

Auch im fachwissenschaftlichen Bereich gehe es um eine möglichst enge Verzahnung fachwissenschaftlichen und unterrichtsmethodischen Lernens. Weiters sollte die systematische Förderung von Teamfähigkeit und Teambereitschaft angestrebt werden.

Es muss zugestimmt werden, dass die LehrerInnenbildung bestimmt die Schlüsselfrage des gesamten Bildungssystems ist und das Lehramt zweifellos den roten Faden durch das Studium bildet. Das eigentliche Berufsbild darf nicht das des verhinderten Forschers oder Wissenschafters sein. Aber eine seriöse LehrerInnenbildung muss neben den aufgelisteten Elementen ebenso unbestritten solide Fachkenntnisse (und vielleicht auch eine dosierte Teilnahme der universitären Forschung) vermitteln, denn erst fachliche Sattelfestigkeit und Leidenschaft können auch einen plastischen und mitreißenden Unterricht erzeugen.

Direkte Instruktion als Priorität ?

Aus der Perspektive Hatties hat die Direkte Instruktion, deren Wesenszug die lehrerzentrierte Lenkung des Unterrichtes ist, zu Unrecht einen schlechten Ruf. Allerdings dürfe ein solcher Unterricht nicht mit einem fragegeleiteten Frontalunterricht verwechselt werden. Er sei vielmehr sehr anspruchsvoll und eröffne den Schülerinnen und Schülern vielfältige Lerngelegenheiten, über deren Nutzen die Lehrperson „wache“. Sie übernehme sozusagen die Verantwortung dafür, dass und wie gelernt wird.

Aus reformpädagogischer Perspektive könnte enttäuschen, wie wenig wirksam die vielgepriesenen offenen Lernformen, jahrgangsübergreifender Unterricht, außerschulisches und problemorientiertes Lernen oder individualisierende Zugangsweisen sich nach dem Ausweis der zitierten Studie auf den Unterrichtserfolg auswirken.

Aber keine Sozialform alleine macht den effektiven Unterricht aus, die Kunst besteht vielmehr weiterhin in der Balance von Instruktion und Konstruktion, Anleitung und Selbststeuerung sind unverrückbar die beiden unverzichtbaren Säulen des Unterrichtes.

Schul- und Unterrichtsqualität statt struktureller Reformmaßnahmen ?

Für Hattie steht ein wirksamer Unterricht im Mittelpunkt der Schulqualität, während strukturelle Maßnahmen in seiner Forschungssynopse einen untergeordneten Stellenwert einnehmen. Er plädiert daher dafür, lehrerbezogene und nicht strukturbezogene Maßnahmen in das Zentrum von Schulentwicklung zu rücken: Unterschiede seien in erster Linie auf die Lehrperson, von denen Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden, zurückzuführen, und nicht auf die Schulen, die sie besuchen. Aus seiner Perspektive geht es also nicht in erster Linie um eine große Strukturreform, sondern um die reformpädagogische Weiterentwicklung der einzelnen Schule, die Priorität genieße.

Dennoch müssen wir an dem Ziel festhalten, statt einer eilfertigen Sortierung der Schülerinnen und Schüler das Anregungspotential von heterogenen Lerngruppen besser zu nutzen und die Nachteile einer vorzeitigen Selektion möglichst zu vermeiden.

Zusammenfassend bestätigen die Thesen John Hatties zwar großteils das einleitend zitierte schulpraktische pädagogische Manifest Anton Strittmatters, kollidieren jedoch mit manchen herkömmlichen bildungswissenschaftlichen Forschungsergebnissen und könnten daher zu pädagogischen, methodisch-didaktischen und bildungspolitischen Akzentverschiebungen führen.