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Klaus Satzke / Schulversuche statt Schulentwicklung - eine gefährliche Drohung

von Klaus Satzke
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Die bekannte Faktenlage

Eingangs drei Feststellungen, die in x-fachen Variationen und mit großer Übereinstimmung in unzähligen Analysen vorliegen. Das österreichische Schulsystem in seinem derzeitigen Zustand

- fördert die schwächeren Schüler zu wenig (schulische Leistungsbilanz bei PISA, Arbeitsmarktprobleme, sozialpolitische Probleme, Integrationsprobleme),
- es diskriminiert jene 70 % der Schüler, die immer noch die Hauptschule besuchen und die - zumindest im ländlichen Raum - in den Leistungsergebnissen dem Gymnasiums um nichts nachstehen, aber dennoch nur unter erschwerten Bedingungen in Oberstufenformen weitergehen können,
- bringt die „städtische" AHS in eine extrem schwierige Situation, weil sie aus ideologischen Gründen das Ausmaß ihrer Heterogenität leugnet und ihr keine Differenzierungsmaßnahmen zur Verfügung stehen (eine Konsequenz daraus ist u.a. das skandalöse Ausmaß des Nachhilfeunterrichtes an den AHS).

In dieser Situation ist es eigentlich unverantwortlich, das Wohl der österreichischen Schule über Schulversuche sichern zu wollen. Schulversuche zur Schulentwicklung, das ist ein Instrument der Schulpolitik in den Siebziger Jahren gewesen, das damals zwar Teilerfolge brachte, schulpolitisch aber (im Sinne von Entscheidungshilfen für die Schulpolitik) erfolglos war.

Warum Schulversuche kein geeignetes Instrument für komplexe Vorhaben der Schulentwicklung sind

Schulversuche zur Reform der Mittelstufe würden bedeuten,

- dass sich für die überwiegende Mehrzahl der Schulen (außerhalb des Schulversuches) überhaupt nichts ändert,
- dass die Versuchsschulen permanent der Verdächtigung ausgesetzt sind, sie würden unter besseren Bedingungen arbeiten, als die Regelschulen,
- dass an den Versuchsschulen tatsächlich im Verlauf von einigen Versuchsjahren Sonderbedingungen entstehen (schon alleine durch den Zuzug von interessierten und engagierten Lehrern, durch Versuchsabgeltungen, durch begleitende Beratung etc.)
- dass sich die wissenschaftliche Kontrolle einerseits mit Fragen beschäftigt, die längst untersucht sind (vergleichbar begabte Schüler schneiden auch in unterschiedlichen Organisationsformen in etwa gleich ab), andererseits mit Fragen, die wissenschaftlich nur mit einem riesigen Aufwand und bestenfalls nach vielen Jahren einigermaßen klar beantwortbar sind (welchen Einfluss die Organisationsform auf Lehrermotivation, Bildungsaspirationen der Eltern, Lernklima in den Schulklassen etc. hat).

Aus der Wortwahl mancher Schulpolitiker ist erkennbar, dass ihre Sichtweise auf den Auffassungen und Meinungen aus den 60er- und 70er beruht und sie wenig Ahnung davon haben, was Wissenschaft in einem so komplexen Feld wie dem der Schule heute zu leisten vermag bzw. nicht zu leisten vermag. Hinzu kommt, dass schon alleine die rechtlichen Grundlagen (der oft zitierten § 7 des Schulorganisationsgesetzes), in ihrer Grundintention und Diktion veralteten Handlungsmustern folgen, die von zentral vorgegebenen Versuchsmodellen ausgehen und nach einigen Jahren zu einer wissenschaftlichen Bewertung führen. Zitat: „ Soweit dem Bund die Vollziehung auf dem Gebiete des Schulwesens zukommt, kann der Bundesminister ....oder mit dessen Zustimmung der Landesschulrat ... zur Erprobung ... Schulversuche an öffentlichen Schulen durchführen„.
Was in solchen und vielen anderen Formulierung zum Ausdruck kommt, dass ist das Fehlen eines Verständnisses dafür, dass es eigentlich darum geht, Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb deren Spielräume für Entwicklungsimpulse aus den unterschiedlichsten Ebenen, lokalen, regionalen und zentralen, Platz finden können.. Mit Schulversuchen - verstanden als Behördenakt - geht das sicher nicht mehr!
Alternativmodelle zur frühen Schulbahnentscheidung mit 9 ½ Jahren kann man jedenfalls auch nicht als Schulversuchsmätzchen behandeln, die man halt eventuell zulässt, sondern sie müssen Teil einer Mittelstufenreform sein, bei der es auch - aber nicht nur - um die pädagogischen und organisatorischen Konsequenzen einer späteren Schulbahnverzweigung geht.