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Klaus Satzke / Ein Jahr Bildungspolitik im Rahmen der großen Koalition - Versuch einer Bewertung

von Klaus Satzke
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Im strukturellen Bereich, konkret in den Bereichen „Reform der Sekundarstufe I" und „Lehrerbildung", sind Zielvorstellungen formuliert worden und Grundsatzdebatten begonnen worden. Beide Vorhaben sind verdienstvoll; sie konnten aber mangels klarer Vereinbarungen im Koalitionspapier und aufgrund der wenig konstruktiven Koalitionsklimas nicht wirklich erfolgreich sein.

Schulversuche
Immerhin erfahren die Schulversuche - dort, wo sie tatsächlich zustande kommen - offenbar regen Zuspruch. Ein kleines Wunder, nach den unsäglichen politischen Querelen um diese neuen Schulversuche? Kein Wunder, sondern ein Zeichen dafür, dass viele Eltern eine Schule suchen, die sich selbst einen klaren Qualitätsanspruch stellt. Das zeigt allerdings auch, dass es - nicht erst seit PISA - berechtigte Zweifel an der Schulqualität im Allgemeinen gibt. In der AHS ein ausufernder Nachhilfeunterricht, in vielen Hauptschulen ein Scheitern an lebens- und berufsbedeutsamen Grundqualifikationen!
Schlussfolgerung: Mit Vorhaben, die eine bessere Schule und einen besseren Unterricht in den Mittelpunkt stellen, erreicht man die Eltern! Und die Eltern und auch die meisten Meinungsbildner erreicht man derzeit am besten mit inhaltlichen Reformen.

Konsequenz daraus: Was gut ist in den Schulversuchen, das ist auch gut im so genannten Regelschulwesen! Das folgt nicht der Argumentation von Schulsprecher AbgzNR Fritz Neugebauer, den offenbar nur die Sorge plagt, ob die Schulversuche finanziell bevorzugt werden könnten. Nein, die Frage ist vielmehr, ob wir nicht eine generelle Weiterentwicklung unseres Schulwesens brauchen, anstelle eines Wartens auf Schulversuchsergebnisse. Die breite Öffentlichkeit erwartet sich jedenfalls qualitative Verbesserungen, nicht in kleinen Sektoren, sondern als breiten Entwicklungsprozess. Wer ist für diese Fragen eigentlich zuständig? Ist es die Expertenkommission, oder beschäftigt sich die nur mit den Schulversuchen? Hat sie auch die erforderliche politische Breite? Andererseits: Koordination ist zweifellos nicht leicht mit einem Koalitionspartner, der primär Erfolge bei „roten" Ministern verhindern will. Gibt es eigentlich noch so etwas wie eine politische Plattform in Bildungsfragen? Gibt es ein gemeinsames Bedürfnis, Entwicklungen rechtzeitig einschätzen und beeinflussen zu können. Die Sorge ist ja nicht ganz unberechtigt, dass erfolgreiche Schulversuche tendenziell zu einem dreigliederigen Schulwesen im Bereich der Sekundarstufe I führen (AHS, Neue Mittelschule, Hauptschule), einem System, wie es sich in Deutschland seit vielen Jahren eben nicht bewährt. Wollen wir das? Kann man das verhindern? Wer redet darüber?

Lehrerbildung
Das zweite Strukturthema ist die Lehrerbildung. Ausgangslage: Wir leisten uns zwei unterschiedliche Formen der Lehrerbildung parallel, die universitäre und die hochschulische. Beide Lehrerbildungen haben bekannte Schwächen und einen eher mangelhaften Reformwillen. Für die neuen Pädagogischen Hochschulen wurde noch rasch im Jahre 2005 von Ministerin Gehrer eine gesetzliche Grundlage geschaffen, die leider gravierende Schwächen hat. Die SPÖ hat sogar einen eigenen Alternativentwurf zu diesem Gesetz vorgelegt, der allerdings in der Ära Schwarz-Orange keine Chance auf eine Mehrheit hatte. Im Regierungsprogramm wurde dann etwas ausverhandelt, das nicht die kleinste Korrektur an jenem zuvor massiv abgelehnten Gesetz vorsieht. Und doch sind sich so ziemlich alle Experten einig, dass eine Reform der Lehrerbildung einer der entscheidenden Schlüssel für eine gelungene Bildungsreform ist. Ministerin Schmied hat zu Recht die Vision einer gemeinsamen Ausbildung aller Lehrer auf Universitätsniveau in Erinnerung gerufen. Umso drängender wird daher die Frage: Gibt es dazu auch konkrete Vorstellungen für eine langfristige Strategie und was kann und soll in dieser Legislaturperiode geschehen?
Die Pädagogischen Hochschulen haben leider Dank des Gehrer - Gesetzes ein Qualitätsproblem als Erblast! Es ist eine Hochschule ohne echte Hochschulprofessoren, ohne hochschulische Strukturen und ohne eine echte Qualitätskontrolle. Sie können sich so gesehen nicht einmal mit einer Fachhochschule vergleichen; und die ringen ja bekanntlich noch immer um die volle Anerkennung im universitären Bereich. Ohne Reparatur des Gesetzes wird dieses Problem nicht behebbar sein! Die Pädagogischen Hochschulen bieten einen Bachelor - Abschluss, dessen Anerkennung im universitären Bereich höchst fragwürdig ist. Die universitäre Lehrerbildung soll (lt. Regierungsübereinkommen) ebenfalls eine Gliederung in Bachelor - Master - Studium anbieten, allerdings hört man kaum etwas Konkretes darüber! Und wenn es denn dazu kommt, wie akkordiert ist dieser Bachelor - Abschluss mit den Pädagogischen Hochschulen?
Sowohl die universitäre als auch die hochschulische Lehrerbildung ringt mit massiven Qualitätsproblemen, insbesondere im Bereich der Didaktik und der schulpraktischen Ausbildung. Gibt es Konzepte für Qualitätsentwicklung im Bereich der Lehrerbildung? Haben die vielen Experten, die schon nach Finnland gepilgert sind, wirklich keine Anregungen mitgebracht?

Senkung der Klassenschülerzahl
Zu den strukturellen Reformen ist wohl auch die Senkung der Klassenschülerzahl zu rechnen. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, aber er hat als erster Schritt einer Bildungsreform viel Anerkennung in der Öffentlichkeit gefunden. Klar wurde allerdings auch, dass ein unflexibles Einhalten von Teilungszahlen im Schulwesen sehr teuer käme. Die Diskussion darüber hat leider das eigentliche Anliegen dieser Reform stark überlagert: Die Verbesserung des Unterrichts, das heißt mehr individuelle Lernförderung durch günstigere organisatorische Rahmenbedingungen! Hier handelt es sich aber um eine Schlüsselfrage des Schulwesens: Experten sind sich ja einig, dass in das österreichische Schulwesen viel Geld investiert wird, die Effizienz und Effektivität des Mitteleinsatzes aber viel zu wünschen lässt. Ein Input-Modell, das dieser Frage nicht nachgeht, wird zum Fass ohne Boden. Es geht hier nicht um kleinliches Nachrechnen, um „Berichte verfassen" und um „Schönreden". Es geht um ein klares Aussprechen von Erwartungen in Richtung Schule, es geht um Strukturanalysen über den Zusammenhang zwischen Problemzonen und Problementlastung durch verbesserten Mittel-Einsatz und es geht um eine direkte Verknüpfung von strukturellen Verbesserungen mit inhaltlichen Reformen, zum Beispiel im Wege der Schulberatung und Lehrerfortbildung.

Bildungsstandards
Ein Schritt zu einer echten inhaltlichen Reform soll die Einführung von Bildungsstandards auf der 4. und 8. Schulstufe sein, wie sie derzeit gerade - sogar in koalitionärer Eintracht - gesetzlich vorbereitet wird. Bildungsstandards sind eine Art von Lehrplanreform mit anderen Mitteln: Die wesentlichen Lehrplanziele sollen verdeutlicht werden und damit die Vermittlung grundlegender Kompetenzen im Verlauf mehrjähriger schulischer Bemühungen in den Mittelpunkt des Unterrichts gestellt werden. Mit Testverfahren soll der Erfolg dieser Maßnahme überprüfbar gemacht werden. Soweit, so gut! Allerdings stellt das neue Anforderungen an die Schulleitungen, die Schulteams, die Schulaufsicht und die Schulbehörden. Und - oh Wunder - zu dieser Fragestellung enthält sogar das in so vielen anderen Punkten schwache Regierungsprogramm konkrete Aussagen:

Die Modernisierung von Schulverwaltung und Schulmanagement.
Leider hört man nach einem Jahr bildungspolitischer Regierungsarbeit zu diesem Thema eigentlich fast gar nichts! Ohne gezielte Unterstützung der Schulleitungen und Schulteams werden die Standards aber Papier bleiben. Das weite Themenfeld einer berufsintegrierten Lehrerfortbildung und einer gezielten Schulberatungen durch externe Fachleute ist weithin unbestellt! Die neuen Pädagogischen Hochschulen scheinen so mit sich selbst beschäftigt zu sein, dass für diese Thematik offenbar keine Zeit bleibt
Eine Schulaufsicht, die die Bildungsstandards als reines Autoritätsinstrument missversteht, wäre der Tod des ganzen Vorhabens. Die Gratwanderung zwischen behördlicher Aufsichtspflicht einerseits, und einer sich fachlich nicht selbst überfordernder Beratung, Betreuung und regionalen Koordination andererseits setzt ein neues „Amtsverständnis" und wohl auch neue Qualifikationen voraus, die man nicht unbedingt als gegeben annehmen kann. Zu fragen ist also, wie es mit der „Modernisierung des Schulmanagements" steht!

Bundesstaatsreform
Die „Modernisierung" der Schulverwaltung ist eng mit der Frage der Bundesstaatsreform verknüpft. Im Regierungspapier heißt es: Schaffung von Bildungsdirektionen. Nach allen nur bruchstückhaft vorliegenden Informationen kann man nicht ausschließen, dass damit eine Verländerung der derzeitigen Bundesbehörde „Landesschulrat" gemeint ist. Ein Blick ins Gesundheitswesen zeigt, was eine Aufteilung der Kompetenzen zwischen Bund und Land bedeutet, wenn es nicht primär um Verwaltung, sondern um Reform geht. Das lässt ahnen, was das für das Projekt „Bildungsstandards" bedeuten würde. Der Bund darf dann Daten verschicken, aber zu welchen Konsequenzen das in den Ländern, Regionen und Bezirken führt, das bleibt ihm verborgen, ja er kann im Grund nicht einmal nachfragen. Kann sich Österreich eine derartige Zersplitterung leisten? Haben wir wirklich in allen Ländern genügend Kapazitäten, um ein zentrales inhaltliches Anliegen (es geht um systematisches Arbeiten an der Unterrichtsqualität) durch 9 Länder zu teilen, wo dann jeder für sich und keiner miteinander arbeitet?

Bildungsgarantie bis zum 18. Lebensjahr
Bleibt noch zum Abschluss dieser Überlegungen die Frage, ob das komplexe Thema der unterqualifizierten Pflichtschulabschlüsse sowie der Übergänge zur Berufsbildung bzw. Berufsausbildung und zum Arbeitsmarkt mit den gesetzten Maßnahmen im Bereich Berufsmatura und modularisierter Lehre tatsächlich schon ausreichend behandelt ist.
War das schon alles? Im Arbeitsprogramm der Ministerin für 2008 finden sich keine weiteren Hinweise! Es darf darauf verwiesen werden, dass die mit den Schulgesetzen 1962 geschaffenen verkorksten Strukturen (9-jährige Schulpflicht, aber zentrale Schulbahnentscheidungen mit der 8. Schulstufe; Polytechnische Schule als 1-jährige Sackgasse) durch nachgehende Maßnahmen zwar gemildert, aber nicht wirklich korrigiert werden können. Gemeinsam mit den Sozialpartnern müsste da doch - unter Rückgriff auf zahlreiche Vorschläge und Konzepte der vergangenen Jahre - mehr zu erreichen sein!