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Demoliert die ÖVP im Kampf um die AHS-Langform die Reform der Lehrerbildung ?

von Helmut Seel
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Der ÖVP verfolgt ihre gesellschaftspolitischen Interessen der Erhaltung bzw. Herstellung der Zweiklassengesellschaft konsequent auch in der Schulpolitik. Die eine Klasse sind diejenigen, deren Kinder die „höhere“ Schule besuchen dürfen, die anderen diejenigen, welche sich mit der niederen, der Pflichtschule, begnügen müssen. Daher ist die bildungspolitische Todsünde die Forderung nach einer gemeinsamen Schule für alle Zehn- bis Vierzehnjährigen, nach der Gesamtschule, welche eine sozialintegrative Wirkung anstrebt. Vielmehr muss die Separierung früh erfolgen, vorbereitet bereits in der Grundschule und durchgeführt in der Mittelstufe des Schulsystems durch die Parallelführung von „höherer“ (AHS-Unterstufe) und „niederer“ (Pflichtschule Hauptschule, Neue Mittelschule) Schule. Lange hat man diese Trennung mit unterschiedlichen Leistungen begründet und Niveauverluste prophezeit. Dies ist in Schulversuchen widerlegt und insbesondere durch die aktuellen Befunde der Bildungsstandards-Testungen unhaltbar geworden, die Leistungen beispielsweise in Mathematik überschneiden sich in weiten Bereichen in der Hauptschule und der AHS-Unterstufe. Die Beibehaltung der Langform der AHS, welche bereits im Schulpflichtbereich den Anspruch auf eine „höhere“ Schule erfüllt, muss „in (gesellschaftspolitischen) Stein gemeißelt“ werden, damit sie erhalten bleibt. Die Lehrer der höheren Schulen, in ihrem Selbstverständnis „höhere“ Lehrer im Vergleich zu den Pflichtschullehrern, müssen als Steinmetze gewonnen werden. Dieses Ziel verfolgte die ÖVP konsequent in mehreren Schritten.

1. Die Verteidigung der AHS-Langform
Die Unterrichtsministerin der SPÖ startete 2007 mit viel Elan den neuerlichen Kampf um die Gesamtschule. Sie stellte das Modell der Neuen Mittelschule als neue gemeinsame Schule für alle Zehn- bis Vierzehnjährigen vor und versuchte diese einzuführen. Die ÖVP blockierte diese Bemühungen und gestattete nur Schulversuche auf der Grundlage des neuen § 7a des Schulorganisationsgesetzes (SchOG). Nach einer vierjährigen Versuchsphase wäre, gestützt auf evaluative Studien (Schulartenvergleich), eine Diskussion um ihre Einführung zu führen gewesen. Chancen einer Positionsveränderung der ÖVP haben sich abgezeichnet: Entwicklungen in Tirol und Vorarlberg, Stellungnahmen der Sozialpartner. Auch die Ergebnisse der Bildungsstandards- Untersuchungen mit ihrer großen Überlappung der Leistungen in AHS-Unterstufe und Hauptschule hätten für eine einheitliche Schule gesprochen. Die Unterrichtsministerin bemühte sich jedoch nicht um eine neue Struktur der österreichischen Schulorganisation in § 3 SchOG als flankierende Maßnahme. Die international (UNESCO) übliche Gliederung der Sekundarschulen in Sekundarstufe I (ISCED Level 2) und Sekundarstufe II (ISCED Level 3) wurde nicht eingeführt. Die Unterrichtsministerin suchte jedoch den raschen Erfolg. Die ÖVP gestattete die Einführung der Neuen Mittelschule an Stelle der Hauptschule ohne Fortsetzung der Schulversuche und erhielt die Zusicherung des weiteren Bestehens der AHS-Unterstufe. Die SPÖ-Bildungspolitiker schwiegen dazu.
2. Die Verteidigung der AHS-Lehrerausbildung an der Universität
In der Entwicklung der PädagogInnenbildung NEU entstand das Konzept einer einheitlichen Ausbildung aller Lehrerkategorien in einer Stufenlehrer-Gliederung: Elementarstufe – Primarstufe – Sekundarstufe I – Sekundarstufe II. Trägerinstitutionen sollten neue Organisationseinheiten der Universitäten („Schools of Education“) und die zu echten Hochschulen weiterentwickelten Pädagogischen Hochschulen des Hochschulgesetzes 2005 sein. Diese neuen Pädagogischen Hochschulen wurden jedoch nicht geschaffen, die entstaatlichten Universitäten mit ihrer Curriculum- und Graduierungsautonomie übernehmen daher die Leitfunktion in der neuen Lehrerbildung. In der Anpassung des Konzepts der PädagogInnenbildung NEU an die bestehende Schulorganisation (§ 3 SchOG: Primarschulen und Sekundarschulen) wird den Universitäten die Ausbildung der Lehrer für die höheren Schulen weiterhin zugeordnet, den Pädagogischen Hochschulen bleibt unter kooperativer Kontrolle durch die Universitäten die Ausbildung der Pflichtschullehrer der Sekundarschule (Neue Mittelschule, Polytechnische Schule, Berufsschule) mit einer spezifischen Graduierung zum Master of Education (MEd). Nicht einmal ein Wechsel vom Bachelorstudium für Sekundarschulen an den Pädagogischen Hochschulen in das Masterstudium des Lehramts an höheren Schulen an den Universitäten mit ihrer traditionellen Graduierung soll möglich sein. Die Zweiklassengesellschaft der Lehrer ist trotz einheitlicher Ausbildungsdauer wieder hergestellt. Die Bildungspolitiker der SPÖ schweigen dazu.
3. Die Verteidigung der Gehaltsprivilegien der Lehrer der höheren Schulen
Die Verhandlungen um ein neues Lehrerdienstrecht, das auch den veränderten Ausbildungsbedingungen Rechnung tragen soll, sind festgefahren. Unvereinbar stehen die Forderungen der ÖVP-dominierten Lehrer-Gewerkschaft den Angeboten der koalitionären Bundesregierung gegenüber. Da schärt die ÖVP aus und legt einen „Kompromissvorschlag“ vor: Bei gleichen Anfangsgehältern aller Lehrerkategorien wird für die Lehrer der höheren Schulen ein rascheres und höheres Ansteigen ihrer Bezüge vorgesehen. Die Unterrichtsministerin begrüßt es, dass sich die ÖVP „bewegt“ und will „die Vorschläge prüfen“. Das ist endlich den SPÖ-Bildungspolitikern zu viel: Die SPÖ-Fraktion der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft lehnt den ÖVP-Vorschlag zu Recht bedingungslos ab, da er im Widerspruch zu den Grundsätzen der Neuordnung der Lehrerausbildung steht.

Geht der Plan der ÖVP nun doch nicht auf? Es schien doch eine perfekte Strategie der Arbeitsteilung zu sein: Die SPÖ stellt den Bildungsminister, die ÖVP macht die Bildungspolitik. Die Unterrichtsministerin der SPÖ ist nun dringend gefordert: Die Schadensbegrenzung hinsichtlich einer modernen Schulorganisation und einer zeitgemäßen Lehrerbildung sollte sie rasch in Angriff nehmen.