Schulqualität in der Blackbox
von Klaus SatzkeArtikel drucken
In der Systemtheorie wird als Black Box ein geschlossenes System bezeichnet, das man unter Vernachlässigung des inneren Aufbaus betrachtet und bei dem nur eine Messung der Input-Output-Beziehung erfolgt. Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass Bildungspolitik im Regelfall diesem Modell folgt. Inputs sind in diesem Fall finanzielle, personelle Investitionen, die in der Hoffnung erfolgen, dass das System Schule damit verbessert wird. Outputs sind alle Testverfahren, Evaluationen, Inspektionen etc., die sich auf die Feststellung der Leistungsergebnisse bei Schülerinnen und Schülern beziehen.
Die enttäuschenden Zwischenergebnisse im Bereich der Neuen Mittelschule sollten bei dieser Methode eine Lehre sein. Einerseits führte bislang der Input von zusätzlichen Lehrerstunden für Teamteaching und Differenzierung zu keinen besseren Lernergebnissen, andererseits vermittelt die Auswertung im Rahmen der Bildungsstandards keinen Einblick in die Ursachen / Wirkungszusammenhänge. Investitionen und Überprüfungen bleiben weitgehend erfolglos, wenn sie nicht zu einer Verbesserung der Schul- und Unterrichtsqualität führen.
Beim kürzlich stattgefundenen Treffen der Bildungsministerin mit den Präsidenten von ÖGB, Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer und Landwirtschaftskammer und dem Generalsekretär der Industriellenvereinigung bestätigte sich wieder einmal das oben dargestellte Reaktionsmuster. Gegen die bei dieser Gelegenheit artikulierten Vorschläge ist kaum etwas einzuwenden, vom zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr angefangen bis zu einer Neudefinition der Schulpflicht, einer Intensivierung der Berufsorientierung, einem Ausbau der ganztägigen Schulen, einer Beobachtung der RisikoschülerInnen, der Einführung eines Talente-Checks usw. usw. Das sind alles sinnvolle Maßnahmen, wenn denn diesen Inputs und Outputs eine Veränderung im internen Schulgeschehen entspricht.
Was bei diesem Forderungskatalog fehlt, das ist die Einsicht in die Notwendigkeit einer Verbesserung der Qualität des schulischen Arbeitens im Unterricht selbst, an der jeweiligen Schule und in der jeweiligen Bildungsregion. Das Problem des simplen Input-Output – Konzeptes ist seine mehr oder weniger programmierte Enttäuschung von Erwartungen. Es gibt aber keinen Automatismus, der bei veränderten Strukturen und Rahmenbedingungen – so wichtig diese sein mögen - auch zu einem besseren Unterricht und in weiterer Folge zu besseren Unterrichtsergebnissen führt.
Erforderlich wäre hingegen eine regelmäßige Klärung der Defizite, eine Festlegung von grundlegenden Zielsetzungen, eine nichts beschönigende Reflexion, das Einholen von Beratung und Unterstützung, die Verbesserung individueller Qualifikationen, das Erproben neuer Arbeitsformen und der Ausbau von Bewährtem. Prozesse dieser Art können nur im Lehrerteam unter Leitung eines kompetenten Schulleiters erfolgen und unter Einbeziehung und auch Mitentscheidung der Schulpartner.
Ein Blick in die Schulrealität zeigt, dass es zur Verwirklichung derartiger Ziele noch immer an den erforderlichen Rahmenbedingungen fehlt. Nach wie vor gibt es eine unterentwickelte Schulautonomie, die eher Alibicharakter hat, als dass sie echte Freiräume für eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Planen und Organisieren von schulischem Lernen ermöglicht.
Im Bereich der Schulleiterqualifikationen gab es in den letzten Jahren intensive Bemühungen, die sicher nicht ohne Erfolg waren. Aber nach wie vor gibt es weder im Schulunterrichtsgesetz noch im neuen Lehrerdienstrecht Bestimmungen, die einen umfassenden Auftrag für die Aufgaben der Personalplanung (Mitwirkung an der Auswahl, Qualifikationsmaßnahmen, Gratifikationen etc.) und Schulentwicklung (Planung- und Entwicklung inhaltlicher Schwerpunkte, Kommunikation mit dem schulischen Umfeld, Öffentlichkeitsarbeit) beinhalten. Mit ein paar modischen Begriffen und einigen Nebensätzen in Gesetzen und Verordnungen wird man der erforderlichen Funktionsbeschreibung nicht gerecht.
Dasselbe gilt auch für die Aufgabendefinition des Lehrers, die nicht alleine in ihrer Eigenverantwortlichkeit beschrieben werden kann, sondern auch die aktive Mitarbeit im Lehrerteam und die Verbindlichkeit von dort getroffenen Vereinbarungen beinhalten muss.
Eine erweiterte Eigenverantwortlichkeit der Schule benötigt klare Bestimmungen über Mitwirkung und Kontrolle im Rahmen einer erweiterten Schulpartnerschaft. Die Mitwirkungsmöglichkeiten auf der Eltern- / Schülerebene haben derzeit in hohem Ausmaß Alibicharakter und dienen eher dem Verhindern einer eigenständigen Entwicklung als dem Einbringen von standortspezifischen Impulsen für die Schulentwicklung.
Das Einholen von externer Beratung und Expertise dürfte nicht der Ausnahme-, sondern müsste der Regelfall sein. Die Ressourcen dafür gibt es, sie bedürfen nur einer entsprechenden Umorganisation im Bereich von Aus- und Fortbildung.
Schulbehörden und Schulaufsicht haben – rückblickend betrachtet – Standortentwicklung dieser Art nicht oder nur in Einzelfällen gefördert. Andererseits dürfte gerade unter Bedingungen einer erweiterten Autonomie eine regionale und überregionale Koordination unverzichtbar sein.
Das Bundes-Schulaufsichtsgesetz (insb. § 18 Bundes-Schulaufsichtsgesetz) und das neue Lehrerdienstrecht (BGBLA 2013 I 211) haben in den letzten Jahren Veränderungen erfahren, die in mancher Hinsicht in die oben geschilderte Richtung weisen, das Schulunterrichtsgesetz eher nur marginal. Es genügen hier aber nicht eine paar kleinere oder auch größere, aber isolierte Korrekturen, sondern es geht um eine umfassende Festlegung neuer Verantwortlichkeiten.
Zur Verwirklichung muss man Schulen Zeit geben(soll heißen: Gesetze, die realistische Einführungs- und Entwicklungszeiträume vorsehen, aber auch ein begleitendes Monitoring) und wohl auch Geld, das durch Neu- und Umorganisation vorhandener Mittel beschafft werden kann.
Schule als Verwaltungsmodell hat keine Zukunft, Schule benötigt ein umfassendes Konzept für das Ineinandergreifen neuer Verantwortlichkeiten. Allheilmittel gibt es allerdings nicht – Schulqualität ersetzt nicht Strukturreformen, auch wenn sie anstehende Probleme mildern kann.